Zweiter Amok-Alarm an Ulmer List-Schule binnen eines Tages

An der List-Schule in der Ulmer City gibt es den zweiten Amok-Alarm innerhalb weniger Stunden. Der erste Alarm stellte sich als falsch heraus.

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Am Dienstag um 11 Uhr ging bei der Polizei die erste Meldung ein: Amokalarm in der Friedrich-List-Schule. Auch im Rathaus klingelte das Telefon. Sofort wurde das in Gang gesetzt, was der Notfallplan vorsieht: Schüler und Lehrer schließen sich ein, lassen die Jalousien herunter und verbarrikadieren die Türen. Polizeikräfte rücken in voller Stärke und Montur an, holen die Jugendlichen aus der Schule und sichern die Umgebung.

Auch die städtische Alarmkette funktionierte, anders als beim letzten Mal im September. „Wir haben die umliegenden Schulen direkt informiert“, sagt Gerhard Semler, zuständig für Bildung. Denn die landesweit verteilten Pager, die jede Schule hat, melden sich erst, wenn es sich um einen bestätigten Amokalarm handelt. Dann könnte es im Ernstfall zu spät sein.

Es war kein Ernstfall. Zum Glück. Um 11 Uhr nicht, und auch um 13 Uhr nicht. Denn gerade als die Einsatzkräfte abgerückt, viele Schüler zur Mittagszeit nach Hause gegangen waren und die Nachbesprechung sowie die seelsorgerische Betreuung  noch liefen, ging der zweite Alarm los.

13 Uhr, wieder das volle Programm mit „derselben Ernsthaftigkeit, denn das ist absolut notwendig“, sagt Semler, der Schüler und Lehrer der List-Schule für deren besonnenes Verhalten lobte. Egal unter welchen Umständen werde ein solcher Alarm immer sehr ernst genommen, betonte auch Wolfgang Jürgens, Sprecher der Ulmer Polizei. „Fehlalarme sind das täglich Brot der Polizisten.“ Für die Beamten gelte immer höchste Konzentration und Sorgfalt. Die habe man auch in diesem Fall walten lassen.

Für Schüler und Lehrer bedeutete dies: Angst oder Ärger, je nach persönlicher Konstitution. Über Whatsapp, Snapchat, Instagram verbreiteten sich Bilder und Nachrichten. Eltern waren in Sorge. „Wir wussten nicht, ob es ernst ist oder nicht“, schildert Belona Hajdari. Während des ersten Alarms war sie mit ihren Mitschülern im Klassenzimmer: „Plötzlich hat jemand an die Tür geklopft. Wir haben gefragt, wer es ist, und niemand hat geantwortet. Auf einmal hat einer seinen Kopf reingesteckt. Das war ein großer Schock.“

Schon nach der ersten Entwarnung wurden alle Experten des städtischen Gebäudemanagements an die List-Schule beordert, um den Auslöser des Fehlalarms zu suchen. Am Abend dann die offizielle Mitteilung der Stadt, in der davon die Rede ist, beide Alarme hätten sich „sehr schnell“ als unbegründet herausgestellt. „Auslöser war in beiden Fällen vermutlich eine defektes Bauteil der neu verbauten Alarmanlage“, heißt es weiter. Dafür spreche, dass beide Alarme von derselben Meldestelle ausgegangen sind. Im September war es eine andere gewesen. Damals war ein kaputtes Bodenkabel schuld gewesen.

„So etwas sollte niemals passieren“, sagte Bürgermeisterin Iris Mann. Schon gar nicht viermal. Sie betonte, dass die Anlage sachgerecht eingebaut und von einem Sachverständigen technisch abgenommen worden sei. Man werde alles tun, um die Ursache zu beseitigen.

Wolfgang Jürgens sorgt sich nicht, dass der Alarm nicht mehr ernst genommen werden könnte: „Das ist ein einschneidendes Erlebnis für jeden, der das mitmachen musste. Wir sind sehr froh, dass die Notfallseelsorge intensiv hilft.“ Allerdings war am Nachmittag durchaus eine gewisse Nachlässigkeit bei Passanten und auch bei Schülern zu beobachten. „Bei zwei Amokalarmen an einem Tag verliert der Alarm an sich an Ernsthaftigkeit“, sagt der 17-jährige Luis Grüner, und  trotzdem: „Wenn man so etwas noch nie erlebt hat, weiß man nicht, wie das ist.“ Die 20-jährige Anida Sadiki ergänzt: „Wenn ich ein Kind hätte, würde ich mich fragen: Soll ich mein Kind noch in die Schule lassen?“ Denn egal wie viele Fehlalarme es gegeben hat: Die Angst bleibt.

Kommentar: Amok-Fehlalarme nutzen sich ab

Es sind Szenen, die niemand erleben möchte: Lehrer verbarrikadieren sich, Schüler werden in Sicherheit gebracht, schwer bewaffnete Spezialkräfte rücken aus. Stellt es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm handelt, ist es gut zu wissen, dass die Alarmkette funktioniert hat.

Wenn aber der eine Fehlalarm vom nächsten Fehlalarm abgelöst wird, wie gestern an der Friedrich-List-Schule, ist das Ganze nur noch bitter und peinlich. Bitter für Schüler, Eltern und Lehrer, die in ein Wechselbad der Gefühle gestürzt werden, die von Schulpsychologen und Notfallseelsorgern aufgefangen werden. Und peinlich für die, die nach dem Fehlalarm vor wenigen Wochen offenbar nicht reagiert haben.

Zu Recht hat die Stadt ihr komplettes Gebäudemanagement mobilisiert: Sollte ein technischer Defekt der Auslöser sein, ist die doppelte Wiederholung schlicht unakzeptabel.

Und gefährlich. Denn das Instrument des Großalarms droht sich schnell abzunutzen. Wer von den Betroffenen würde eine vierte oder gar fünfte Alarmierung noch mit der gebotenen Ernsthaftigkeit verfolgen? Nicht auszudenken, wenn es dann ernst wird. Die Panne nachhaltig zu beheben, sollte die erste Aufgabe der Verantwortlichen sein. Unmittelbar danach muss die Öffentlichkeit erfahren, ob alle drei Alarmierungen die gleiche Ursache hatten.

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