Elchinger Flüchtlinge trauern um verstorbenen Afghanen

Angst, Trauer und erzwungene Untätigkeit: Die Stimmung unter den Afghanen in der Elchinger Unterkunft ist nach einem Todesfall niedergedrückt.

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Ein junger Flüchtling aus Afghanistan betrachtet die Todesanzeige für seinen  verstorbenen Landsmann. Die Unterstützung von Birgit Möller (links) und Renate Willbold-Vajagic vom Elchinger Freundeskreis Asyl ist jetzt besonders gefragt.   Foto: 

Die Nachricht vom Freitod ihres Freundes Sayed Hasib Miri, der sich aus Angst vor Abschiebung nach Frankreich abgesetzt und dort aus dem Fenster gestürzt hatte, versetzte der ohnehin niedergedrückten Stimmung in der Asylunterkunft im Unterelchinger Dammweg einen weiteren Dämpfer. Die Atmosphäre dort sei „kaum noch zu ertragen“, sagt Birgit Möller vom Freundeskreis Asyl. Dabei seien die jungen Männer auf gutem Weg gewesen: Sie lernten Deutsch, hatten Arbeit und konnten zum großen Teil selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Doch das hat sich dramatisch verändert. Die Afghanen, deren Asylantrag nach der Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt worden war, sind momentan lediglich „geduldet“. Die entsprechende Bescheinigung muss stets neu beantragt werden, sie gilt zwischen vier Wochen und drei Monate.

Verdammt zur Untätigkeit

Das verunsichert nicht nur die Afghanen, sondern auch die Arbeitgeber, die nur einen Vertrag abschließen oder verlängern können, wenn die Bestätigung vorgelegt wird. In vielen Fällen trifft sie nicht rechtzeitig ein, die jungen Männer verlieren ihre Jobs.

„Sie sind verdammt zur Untätigkeit und ziehen sich stimmungsmäßig gegenseitig runter“, sagt Renate Willbold-Vajagic. Hinzu kommt die Angst vor Abschiebung. Vielen sei es schlicht nicht möglich, beim Nachweis der Identität mitzuwirken. Sie haben oft keine Verbindungen nach Afghanistan mehr. Trotzdem sollen sie, wenn sie mühsam die Registernummer des Familienstammbuchs recherchiert haben, jemanden womöglich quer durchs ganze Land zum Innen- und dann zum Außenministerium in Kabul schicken, der sich die Dokumente persönlich beglaubigen lässt.

Bestürzung in der Unterkunft

Darüber kann Sigrid Thelen vom Elchinger Freundeskreis nur den Kopf schütteln. Aufgefordert zur Klärung seiner Herkunft war auch Sayed Hasib Miri. Anfang Januar hätte er deshalb bei der Behörde in Augsburg  vorsprechen sollen.

Doch wenige Tage vor dem Termin setzte er sich nach Frankreich ab, wo er sich jetzt das Leben nahm. Seine afghanischen Freunde, aber auch die ehrenamtlichen Helfer in Elchingen reagierten bestürzt auf die Nachricht. Miri war im April 2016 nach Unterelchingen in die Unterkunft im Dammweg gekommen. Der damals 25-Jährige, der eine gute Schulbildung besaß, hatte psychische Probleme und wurde ärztlich behandelt.

Wollte in Frankreich abtauchen

In die  Übergangsklasse der Berufsschule konnte er wegen seines Alters nicht aufgenommen werden. Daher wurde versucht, für ihn eine Qualifizierungsmaßnahme der Arbeitsagentur zu finden. Andernfalls hätte der Freundeskreis einen Deutschkurs bezahlt. „Wir springen ein, wenn es keine staatlichen Hilfen gibt“, erläutert Birgit Möller. Miri bekam im Dezember den Bescheid vom BAMF, dass sein Asylantrag abgelehnt sei.

Zwar legte er Widerspruch ein. Doch er wartete nicht auf das Gerichtsverfahren, sondern ließ sich von einem Landsmann überreden, in Frankreich abzutauchen. Ein Akt der Verzweiflung, sagen die Mitglieder des Freundeskreises. Und diese Stimmung, so beobachten sie, greift um sich. „Du kannst zuschauen, wie die jungen Männer altern“, sagt Sigrid Thelen. Dabei seien gerade die Flüchtlinge aus Afghanistan diejenigen, die doch von ihren Arbeitgebern als hochmotiviert und sehr zuverlässig gelobt worden waren.

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