Zeitgeschichte Treue Diener des Regimes

Dr. Werner Ansel war Kreishauptmann im „Generalgouvernement“. 
Dr. Werner Ansel war Kreishauptmann im „Generalgouvernement“.  © Foto: Kutay Kayali
Obersontheim / Harald Zigan 02.06.2018

Ohne Millionen von Zahnrädchen hätte die Maschinerie der NS-Diktatur nicht funktionieren können. Die Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ widmet sich NS-Belasteten „aus der zweiten und dritten Reihe, ohne die der Nationalsozialismus heute in seiner ganzen Bandbreite nicht angemessen verstanden werden kann“, wie der Herausgeber Dr. Wolfgang Proske schreibt.

Der neu ­erschienene Band 8 zeichnet NS-Karrieren aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg nach – darunter auch etliche Fälle aus dem Kreis Hall.

Seltsam blass und nebulös blieb in der Nachkriegszeit die Figur des aus Gaildorf stammenden NSDAP-Kreisleiters Otto Hänle (1902-1969), der seit 1937 in Crailsheim residierte.

Diese Lücke schließt der Crailsheimer Stadtarchivar Folker Förtsch mit einer detaillierten Studie: Er skizziert den Werdegang eines fanatischen Gefolgsmann seines „Führers“ und vor allem seine Rolle bei der Verteidigung von Crailsheim im April 1945. Hänle besaß zwar keine militärische Kommandogewalt. Aber „er hielt bis zum Schluss an der aberwitzigen Verteidigungsstrategie des Regimes fest“, wie Folker Förtsch bilanziert.

Von 1948 bis zur Kreisreform 1972 amtierte Dr. Werner Ansel (1909-1988) als Landrat des Kreises Crailsheim. In der hiesigen Bevölkerung blieb weithin unbekannt, dass der Beamte als so genannter Kreishauptmann und damit als Leiter der deutschen Zivilverwaltung in den besetzten polnischen Gebieten des „Generalgouvernements“ eingesetzt war – von Oktober 1939 bis März 1942 in Bilgoraj, anschließend bis Dezember 1942 in Cholm und hier nach einem Fronteinsatz bei der Wehrmacht erneut im Juli 1944.

Ermittlungen eingestellt

In Ansels Dienstbezirk Cholm lag das Vernichtungslager Sobibor, das er nach seinen Angaben in der Nachkriegszeit kurz vor der ­Fertigstellung besichtigte, vom Zweck des Lagers seinerzeit aber noch nichts gewusst haben will – obwohl ein Baurat aus Ansels Stab an der Planung beteiligt war. In Sobibor wurden 250 000 Menschen ermordet.

Der einstige Kreishauptmann, der auch für Zwangsarbeitslager und jüdische Ghettos zuständig war, stritt nach den Recherchen des Journalisten Ralf Garmatter aus Kirchberg jegliche Beteiligung an „Aussiedlungsaktionen“ von Juden ab, die direkt in die Gaskammern führten.

Ein Ermittlungsverfahren gegen Ansel wegen Beihilfe zum Mord stellte die Staatsanwaltschaft 1968 ein. Ohne Folgen blieb auch die Erschießung von sieben polnischen Zivilisten, die Ansel im Juli 1940 als Vergeltung für den tödlichen Überfall auf einen Gendarmen seiner Dienststelle angeordnet haben soll.

Noble Namen stärkten das Ansehen des Regimes in der Bevölkerung. In etlichen NS-Gliederungen engagierte sich auch Fürst Ernst II. zu Hohenlohe-Langenburg (1863-1950). Mit den Nazis teilte er die Abneigung gegen die demokratische Weimarer Republik und den Versailler Vertrag. Der Fürst hielt Adolf Hitler „für einen von Gott gesandten Mann“, schreibt Ralf Garmatter, der im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein keinen Einblick in Dokumente erhielt, die jünger als 100 Jahre sind. Weitaus tiefer verstrickt in das NS-Regime war die Fürsten-Tochter Alexandra (1901-1963). Sie brachte es nach den Recherchen von Ralf Garmatter bis zur NS-Kreisfrauenschaftsführerin im Oberamt Gerabronn.

Straße nach Nazi benannt

Eine steile Karriere im NS-Staat machte der Landwirt Albert Schüle (1890-1947) aus Wolfenbrück bei Oberrot, der von 1933 bis 1945 unter anderem als Vize-Landesbauernführer und als Reichstagsabgeordneter fungierte, wie Wolfgang Proske schreibt. 1997 reaktivierte der Ortschaftsrat einen aus dem Jahr 1936 stammenden Albert-Schüle-Weg in dem Ilshofener Teilort Niedersteinach – der NS-Funktionär hatte dort einen Hof bewirtschaftet. Und völlig problemlos avancierte der Gestapo-Mitarbeiter Eugen Weber (1910-1973) im Jahr 1954 zum Bürgermeister von Eberbach an der Jagst. Er blieb es bis 1969.

Info „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer: NS-Belastete aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg“, Kugelberg-Verlag, 441 Seiten, 19.99 Euro.

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