Sie rannte um ihr Leben und das ihrer Kinder - vergebens: Am 4. April 1945 wird die 38-jährige Helene Geiger mit ihren beiden Töchtern Maria Gabriele (5) und Edeltraud (9 Monate) auf dem Arm von Bordgeschützen eines Jagdbombers getroffen. Die Mutter und ihre Kinder sind nicht die einzigen Opfer. 23 Menschen sterben bei dem Angriff von Tieffliegern.

Erwin Huttenlau hat den Angriff miterlebt. Der damals 16-Jährige war Lehrling bei der Firma Weinmayr. Kurz vor Feierabend sei ein Arbeiter in die Halle gerannt: "Da kommen Flugzeuge, da stimmt was nicht", habe der gerufen, erinnert sich der 85-Jährige heute.

Feindliche Flugzeuge in der Luft waren gegen Kriegsende keine Seltenheit. Immer wieder flogen ganze Geschwader über Wiesensteig hinweg, ließen das Städtchen am Filsursprung auf ihrem Weg zur Bombardierung der größeren Städte Stuttgart und Ulm aber links liegen. Außerdem wähnten sich die Wiesensteiger in Sicherheit. "Irgendwer hatte mal behauptet, durch dieses enge Tal könne eh kein Flugzeug fliegen", sagt Huttenlau.

Ein tödlicher Irrtum, wie sich an jenem Mittwoch herausstellt: Als sich die beiden Jagdbomber im Tiefflug von den Kölleshöfen bei Mühlhausen nähern, werfen sie Huttenlau zufolge bereits vor dem Ortseingang die erste Bombe ab und eröffnen sofort das Feuer. Die zweite Brandbombe verfehlt ihr Ziel nicht: Nach dem Einschlag steht das Rathaus in Flammen und brennt bis aufs Erdgeschoss nieder. Drei benachbarte Gebäude in der Stadtmitte werden ebenfalls schwer beschädigt. Die dritte Bombe landet als Blindgänger auf dem Seetalweg, eine weitere explodiert: "Die hat den Gore Karle erwischt", erinnert sich Huttenlau. Die Bombensplitter spalten den Schädel des Maurers, der aus dem Ort Richtung Filsursprung rennt, um sich zu retten. "Die rechte Seite vom Kopf lag auf dem Weg, die linke Hälfte klebte an einer Hauswand", hat Huttenlau den schrecklichen Anblick noch wie heute vor Augen.

Der Überflug dauerte nur Sekunden. Als alle schon hoffen, es sei vorbei, kommen die Bomber wieder zurück. Diesmal fliegen sie von Westerheim her übers Hotel Malakoff ein. Zwei Bomben fallen auf die Stiftskirche Sankt Cyrakus. Ein Volltreffer reißt ein großes Loch in den Chorraum, wo der noch vom Ostersonntag festlich geschmückte Hochaltar vollkommen zerstört wird.

Die Bomben richten schon schwere Schäden an, weitaus schlimmer sind die Maschinengewehr-Salven aus den Bordgeschützen der Jagdbomber. Reihenweise werden die verzweifelt Flüchtenden von den 20-Millimeter-Geschossen niedergemäht. Der Angriff hat nur knapp fünf Minuten gedauert, doch am Ende liegen 23 Tote zwischen dem Trümmern der zerstörten und brennenden Häuser. Eine Frau wird tot an ihrer Nähmaschine sitzend gefunden, ein spielendes Kind im Garten tödlich getroffen. Neben Frauen, Kindern und Zivilisten ist auch ein französischer Kriegsgefangener unter den Opfern. Vier Tage nach dem Angriff werden die Toten auf dem Wiesensteiger Friedhof begraben. Neben den Wiesensteigern findet auch der Franzose seine letzte Ruhe.

Wer den Angriff flog, wurde nie geklärt. Augenzeugen sprechen von "französischen Rotschwänzen", andere wollen englische Spitfires gesehen haben. Wiederum andere geben den Amerikanern die Schuld. Bis heute wird auch gerätselt, warum das Unheil ausgerechnet noch in den letzten Kriegstagen über Wiesensteig hereinbrach, wo doch alle meinten, das Schlimmste sei überstanden. Ein Gerücht besagt, dass sich Hitler im Haus Malakoff versteckt haben sollte. "Das ist vollkommener Quatsch", winkt Huttenlau ab. "Hitler war nie hier. Der hat sich 1938 mal beim Bau der Reichsautobahn hier blicken lassen - und wurde dann nicht mehr gesehen."

Huttenlau und der Wiesensteiger Heimatforscher Franz Naumann glauben eher, dass ein mit Treibstoff beladener Lastwagen der Wehrmacht für das Unheil verantwortlich war: "Die Jagdbomber haben den Lkw auf der Neidlinger Steige entdeckt und in Brand geschossen." Die in Deckung gegangenen Soldaten sollen mit ihren Gewehren zurückgeschossen haben, weshalb die Flieger umdrehten und ein zweites Mal angriffen.

Dass Soldaten bis zuletzt in Wiesensteig stationiert waren, ist bekannt. Angehörige des Volkssturms hatten im Spätwinter 1945 unter Anleitung von auf der Nordalb untergebrachten SS-Einheiten Panzersperren auf den Straßen nach Neidlingen, Westerheim und Richtung Filsursprung angelegt. Am 2. April übernahm eine Infanteriekompanie der "Wlassov-Truppen" den Ausbau der Abwehr. Die russischen Freiwilligen, die im Zweiten Weltkrieg auf der deutschen Seite gegen Stalin kämpften, gehörten offenbar zur Besatzung des Tanklastwagens.

In den Medien findet der verheerende Fliegerangriff nicht statt. Dass Wiesensteig zerstört ist und fast zwei Dutzend Menschen ihr Leben verloren haben - unsere Zeitung berichtet mit keiner Silbe darüber. Stattdessen proklamiert die gleichgeschaltete Lokalzeitung weiter Durchhalteparolen und berichtet von "bedeutenden deutschen Abwehrerfolgen in Oberschlesien" (5. April) oder dass "heftige Angriffe der Sowjets auf Wien abgewiesen" wurden. Erst am 10. und 11. April erfahren die GZ-Leser aus zwei Todesanzeigen von dem Luftangriff auf Wiesensteig.

Knapp drei Wochen später ist der Krieg auch in Wiesensteig zu Ende: Am 21. April rücken die Amerikaner über Geislingen und vom Filsursprung in Wiesensteig ein. Die Panzer rollen ohne Gegenwehr durchs Städtle. Ein Teil biegt ab Richtung Westerheim. Dort hat sich eine Flak-Einheit der Wehrmacht verschanzt und schießt auf die anrückenden Amerikaner. Die nächste Tragödie nimmt ihren Lauf. . .