Heidenheim / Marita Kasischke  Uhr
Schüler des Schillergymnasiums zeigen „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ nach Bertolt Brecht im Paulusgemeindehaus.

„Man spürt, was eine Diktatur mit den Menschen macht“, beschreiben die Spieler der Theater-AG des Schillergymnasiums ihre Probenarbeit zu Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reichs“. Und tatsächlich lassen sie auch ihre Zuschauer spüren, wie die Veränderungen vor sich gehen, wie das Misstrauen, einmal ausgesät, keimt und vergiftet. Damit wird die Angst zum Alltag, im Beruf, unter Nachbarn und Freunden, in Familien, in der Ehe. Die einzelnen Szenen, die das 20-köpfige Ensemble unter der Regie von Helen Döbelin einstudiert hat, zeigen dies ganz genau, nichts beschönigend, nichts übertreibend, und deshalb sehr eindringlich. Der Richter, der doch seinem Gewissen unterworfen sein soll, und doch die Versetzung ins hinterste Pommern befürchten muss, wenn er „nicht dem deutschen Volk dient“. Der Pfarrer, der aus Angst vor Repressalien den nötigen Trost versagt. Der Arzt, der wegsieht, statt zu untersuchen. Die jüdische Frau, die ihren arischen Mann verlässt, bevor er sie wegschicken wird: „Charakter ist wie ein Handschuh, ein guter hält zwar lange, aber nicht ewig“.

Trotz der eindeutigen zeitlichen Zuordnung gelingt es dem Ensemble, eine Zeitlosigkeit des Geschehens herzustellen, wozu auch die geschickte Kostümauswahl beiträgt: SA-Uniformen sind angedeutet ebenso wie Hakenkreuzfahne, die in einem alten Saal wie demjenigen des Paulusgemeindehauses eine geradezu brutale Wirkung entfaltet. Das gilt auch besonders für die Szene, in der eine schwangere Frau auf äußerst rohe Weise abgeführt wird, das gilt aber auch für die leisen, ruhigen Szenen, in denen eine beachtliche Sensibilität an den Tag gelegt wird. Wie Argwohn und Angst, Verstellen und Verstecken jede Menschlichkeit zersetzen, das steckt in jeder einzelnen der Alltagsmomente, die Brecht bereits 1938 im dänischen Exil aufzuschreiben begann. Diese Unmöglichkeit, Mensch zu bleiben in diesen Zeiten, hat das Ensemble fein herausgearbeitet. Das natürliche Spiel unterstreicht die Alltagssituationen, die damit allgemeine, auch zeitgemäße Gültigkeit erlangen. Ergänzt wird dieses natürliche Spiel durch Kunstgriffe wie die Sachverhaltserforschung in der Richterszene, in denen die Beteiligten eines SA-Angriffs wie Schachfiguren hin- und hergeschoben werden, bis der gewünschte Schuldige ausgemacht ist. Auch das macht auf eine ganz vertrackte Art betroffen: Denn jeder vordergründig noch so barbarische Schachzug zeigt die Beweggründe – und die sind eben allzu menschlich. Denn das ist wohl das einzige, was in diesen Zeiten menschlich bleiben durfte: die Schwäche.

Dem überaus sehenswerten Spiel voran gehen Zitate von Le Pen, Orbán, Weidel und Gauland, Hasskommentare zum Mord an Walter Lübcke. Bereits damit sind die Bezüge zur Gegenwart hergestellt, die weitergehen in unausgesprochenen, aber in der Luft liegenden Gedanken an Ertrinkende im Mittelmeer oder auch nur Mobbing Andersdenkender. Das große Schlussbild wirkt danach umso eindringlicher: Es ist ein lautes und entschiedenes Nein. In Haltung und Rede.