Pflegeeltern auf Abruf Wenn Mama trinkt und Papa schlägt

Christiane und Mathias W. sitzen mit vier eigenen und vier Pflegekindern am Kaffeetisch. Das Ehepaar aus dem Enzkreis hilft, wenn das Jugendamt schnell eine Betreuung sucht.
Christiane und Mathias W. sitzen mit vier eigenen und vier Pflegekindern am Kaffeetisch. Das Ehepaar aus dem Enzkreis hilft, wenn das Jugendamt schnell eine Betreuung sucht. © Foto: Uli Deck/dpa
Birkenfeld / lsw 04.02.2018
Die Pflegeeltern Christiane und Mathias W. springen ein, wenn das Jugendamt Kinder unterzubringen hat, die akut gefährdet sind. Was den Kleinen widerfahren ist, bleibt oft unklar.

Platz ist nicht viel in der Stube: Neben einem Kinderhäuschen gibt es eine Sofaecke, Regale, Terrarien, als Raumteiler ein Aquarium und als Herzstück ein großer Tisch. Dazwischen viele Kinder und zwei Welpen. Ein großer Kindergeburtstag könnte man meinen, zumal die „Happy-Birthday“-Girlande noch hängt. Doch der war schon. Bei Familie W. ist auch so immer was los. Sie hat derzeit acht Kinder: vier eigene, zwei Pflegekinder, die schon länger da sind, und zwei, die vor Weihnachten dazukamen.

„Wir sind eine richtige Patch­work-Familie“, sagt Pflegemutter Christiane W. Die Familie in Birkenfeld bei Pforzheim ist eine von 14 Bereitschaftspflegefamilien im Enzkreis, die jederzeit Kinder in Not aufnehmen. Immer auf Abruf, auf Erwerbstätigkeit verzichten, sich jedes Mal auf ein Kind neu einstellen und es nach kurzer Zeit wieder abgeben müssen: „Das ist nicht einfach. Da wird Familien ganz schön was abverlangt“, sagt Carmen Thiele vom Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD). „Familien für Bereitschaftspflege sind Mangelware.“­

Zu viel Alkohol und Gewalt

Jugendämter nahmen in Deutschland 2016 rund 84 200 Kinder in Obhut, etwa weil die Eltern sich trennen, zu sehr im Job eingespannt oder krank sind, ein Suchtproblem haben oder Kinder durch einen Unfall zu Waisen wurden. Davon sind nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums rund 15 000 Kinder in Bereitschaftspflege.

Kinder wie der neunjährige Aljoscha und sein zwei Jahre älterer Bruder Pjotr. Bei ihnen schritt das Jugendamt ein, nachdem Pjotr zur Polizei gegangen war. Es ging nicht mehr: zuviel Alkohol und Gewalt in der Familie. Oder wie die 14-jährige Ranja, die es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat. Ihr alleinerziehender Vater ist nach einem Unfall der Mutter überfordert. „Er trinkt zuviel.“

Am längsten ist die zweijährige Nina dort. Sie kam mit vier Monaten zu Familie W. „Ich habe gerade gekocht“, sagt Pflegemutter Christiane. „Da kam der Anruf vom Jugendamt: Wir hätten ein Baby. Können Sie es holen?“ Die erste Begegnung war ein Schock, das Kind war völlig verwahrlost: „Die Kleine hatte rabenschwarze Füße. Sie war vollkommen apathisch.“ In ihrem neuen Zuhause spielt sie nun mit Christiane W.s Tochter Jana.

„Sie hat sich gut entwickelt“, sagt die Pflegemutter. Auffällig seien aber Ninas Wutausbrüche. Was genau Kinder erlebt haben, bleibt oft im Dunkeln. Sie selbst erzählen nicht unbedingt viel ­– Aus Scham, aus Angst, aus Loyalität zu den leiblichen Eltern. Einige, wie Ranja, reden offen. Andere, wie Aljoscha, machen eher dicht. Susanne Wendlberger ist die Jugendamt-Betreuerin für die Pflegefamilie W.: „Kinder wollen meist nichts Böses über ihre Eltern sagen.“ Oft wollten sie trotz allerer Erfahrungen nur eines: schnell wieder zurück.

Schwierige Entscheidungen

Manchmal geht es dabei zu schnell, sagt Pflegevater Matthias W., der an das Schicksal des bei Freiburg über Jahre missbrauchten Schülers denkt. Der Junge, der nach der Verhaftung seiner Mutter im Herbst aus seiner Familie genommen wurde, war schon zuvor – nach ersten Hinweisen – kurz in Obhut gewesen. Doch dann schickte ihn das Familiengericht wieder nach Hause, der Missbrauch ging weiter.

Oft sind Elternrechte und Kinderrechte abzuwägen.  Jürgen Strohmaier, zuständiger Referatsleiter beim Landesjugendamt, erkennt durchaus unterschiedliche Perspektiven bei den Beteiligten. Es komme darauf an, diese besser zusammenzubringen. Ob vernachlässigt, geschlagen oder misshandelt – in rund 4000 Fällen schreiten jährlich im Südwesten Jugendämter ein.

Durch die vielen Kindern ist bei den W.‘s alles ein bisschen anders: Das Auto ist größer, der Kühlschrank riesig, die Nächte sind oft kurz. Wenn die Jüngste im Bett ist, gönnt sich Christiane W. eine kleine Auszeit. „Wir sind ja ganz normale Leute. Und jedes Kind trägt hier sein Päckchen mit sich.“

Bereitschaftspflege und Inobhutnahme

Krisensituation Bereitschaftspflege bedeutet, dass ein Kind in einer Krisensituation in eine Pflegefamilie kommt. Dort bleibt es, bis klar ist, wo es danach leben kann – wieder bei den Eltern, in einer Pflegefamilie, im Heim, bei Verwandten oder Bekannten. Die Bereitschaftspflege ist kein juristischer Begriff. Rechtsgrundlage ist meist die Inobhutnahme – nur in Einzelfällen geht ein Einverständnis der Eltern voraus. Die Inobhutnahme ist das schärfste Schwert des Jugendamtes. Sie erfolgt, wenn andere Hilfen nicht greifen: bei „dringender Gefahr für das Wohl“ des Kindes. dpa

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel