Die Glocken des Schwarzen Tors schlagen, es ist acht Uhr morgens. Dann erklingen die ersten Töne des Rottweiler Narrenmarsches, und ein kollektives Jauchzen ertönt hinter und vor dem Tor. Am Fasnetsmontag steuert die fünfte Jahreszeit auf ihren Höhepunkt zu. In Baden-Württembergs ältester Stadt findet an diesem Tag einer der traditionsreichsten Umzüge der schwäbisch-alemannischen Fasnet statt.

Eine Innenstadt im Ausnahmezustand

Narrenmeister Christoph Bechtold hat an diesem Montagmorgen einen hektischen Job. Er ist seit 7 Uhr unterwegs und muss gemeinsam mit seinen 28 Narrenzunft-Männern (alle gut erkennbar an der Kappe mit Fuchsschwanz) den Überblick über eine Innenstadt behalten, die sich im Ausnahmezustand befindet: 15 000 Zuschauer stehen teilweise schon seit 6 Uhr morgens an der Straße, um einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Bechtolds Handy klingelt: Ein französischer Fernsehsender will ein Interview mit dem Narrenchef. Außerdem steht ein Würstchenwagen zu nah an der Straße, den muss man vor Sprungbeginn noch wegschieben. Dann kommt der Dirigent der Jugendkapelle angerauscht: Ihm fehlt noch eine Hose für einen Musiker. Bechtold nickt und läuft im Stechschritt ins Zunfthaus, denn dort lagern die Uniformen.

Der Sprung dauert fast vier Stunden

„Da wir unsere Sprünge nur am Fasnetsmontag und -dienstag haben, ist die Vorfreude natürlich jedes Mal umso größer“, sagt Bechtold. Umso größer ist auch der Ansturm der Narren an diesen zwei Tagen: Rund 4200 Stück sind es an diesem Montag wieder, fast vier Stunden dauert der Sprung. Insgesamt sind in der 25 000-Einwohnerstadt 9000 Narrenkleidle (in Rottweil sagt man nicht „Häs“) zugelassen, jedes Jahr kommen zwischen 100 und 200 neue hinzu. Es gibt fünf Narrentypen, dazu mehrere Einzelfiguren. Nur ein korrekt gemachtes Kleidle bekommt auch eine Plakette, die den Träger schließlich zur Teilnahme am Sprung berechtigt. Und so einfach ist das nicht: Das Narrenkleidle „Federahannes“ kostet rund 1500 Euro. Für ein Biss, einen aufwendig bemalten Weißnarren, muss man bis zu 5000 Euro zahlen. In Rottweil gibt es Kleidle, die 250 Jahre alt sind. Ihren Sammlerwert schätzt Bechtold auf eine fünfstellige Summe.

Jeder Narr wird kontrolliert

Er und seine Männer stehen nach dem Sprungbeginn an der Rückseite des Schwarzen Tores. Jeder Narr wird kontrolliert. Haben auch wirklich alle schlichte schwarze Schuhe und weiße Handschuhe an? Sitzt das Kleidle ordentlich? Bechtold weiß, dass man den Rottweilern gerne spöttisch eine besonders große Pingeligkeit nachsagt im Bezug auf ihre Fasnet. Aber genau diese Pingeligkeit hat auch dazu geführt, dass man bei diesem Sprung vergebens nach Konfetti, Partymusik und wild gewordenen Narren sucht. Hier ticken die Uhren langsamer, aber dafür umso ehrwürdiger – denn nichts wollen die Rottweiler so sehr vermeiden wie die Kommerzialisierung ihrer Fasnet.

Der erste Narr, der das Schwarze Tor durchschreitet, ist Martin Weiss. Er trägt heute die Einzelfigur des Narrenengels und führt in diesem 135 Jahre alten Kleidle, das in den alten Reichsstadtfarben rot und weiß gehalten ist, den Sprung an. Im normalen Leben ist der 40-Jährige Kämmerer in einer Nachbargemeinde, an der Fasnet aber hat er sich schon immer frei genommen.

Fasching Impressionen vom Narrensprung in Rottweil

Lustige Geschichten aus dem Stadtgeschehen

Weiss war fünf Jahre alt, als er gemeinsam mit seinem Vater Werner – ebenfalls ein passionierter Narr – zum ersten Mal am Narrensprung teilnahm. Mittlerweile sind auch seine Söhne Simon (10) und Raphael (12) begeistert. Das „Aufsagen“, eine weitere Rottweiler Tradition, haben sie vom Vater gelernt. Für dieses „Aufsagen“ haben sich die Brüder gemeinsam mit ein paar Freunden ein Narrenbuch gebastelt: Auf jeder Seite ist eine lustige Geschichte aus dem Stadtgeschehen des vergangenen Jahres festgehalten. Mit dem Buch unter dem Arm ziehen sie nach dem Ende des offiziellen Narrensprunges los und besuchen Privatpersonen in den Häusern der Altstadt. Denen erzählen sie dann, wem welche Peinlichkeiten passiert sind. Im Gegenzug gibt es Essen, Trinken und jede Menge guter Laune.

Wer einmal Feuer gefangen hat, hört nicht mehr auf

Das sind Momente, die Martin Weiss stolz machen: „Das treibt dir schon mal eine Träne ins Auge, wenn du siehst, wie es ihnen Spaß macht“, sagt er. Und: Wer einmal Feuer für die Fasnet gefangen hat, der hört aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht mehr auf. Sein Vater Werner (76) beispielsweise habe genarrt, bis er sein Kleidle, ein Biss, nicht mehr tragen konnte. Ein Biss hat sechs bis acht Glockenriemen, die Narren sind also mit 15 bis 20 Kilogramm beladen.

Martin Weiss und seine Söhne entspannen sich nach dem ersten Teil des morgendlichen Umzuges bei einer befreundeten Familie. Diese wohnt direkt an der Strecke. „Es ist auch die Geselligkeit, die unsere Fasnet so besonders macht“, sagt Weiss. Auch den zweiten Teil des Umzuges wird er als Narrenengel anführen. Um 12 Uhr werden schließlich die letzten Narren im Ziel ankommen, nachdem Regen und Sturm das fröhliche Treiben für kurze Zeit etwas getrübt haben.

Nach dem Sprung darf auch der Narrenchef feiern

Vor vielen Jahren war der Montagssprung noch länger, dann haben die Narrenzunft-Männer ihn abgekürzt; denn auch besondere Ereignisse soll man schließlich nicht überreizen. Nach Sprungende ist Christoph Bechtold für die Presse nicht mehr erreichbar, das hat er schon morgens angekündigt. Denn dann schlüpft auch der Narrenchef in ein Kleidle, gibt sich nicht mehr zu erkennen und zieht mit Süßigkeiten und Geschichten im Gepäck durch die Rottweiler Gassen.

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Aus acht Jahrhunderten Fasnetsgeschichte


Erste Belege für die Rottweiler Fasnet stammen aus dem 14. Jahrhundert. „Fasnet war schon immer mit viel Essen, viel Trinken und Musik verbunden“, sagt Rottweils ehemaliger Stadtarchivar Winfried Hecht. Aus dieser Zeit stammt wohl noch der wilde Federahannes. Die bemalten Weißnarren gehen dagegen auf die Barockzeit zurück.

Die Rottweiler Obrigkeit hat immer wieder versucht, die Fasnet abzuschaffen – ohne Erfolg. 1903 wurde die Narrenzunft neu gegründet, und die Fasnet stand ganz unter dem Einfluss der Wilhelminischen Zeit. Daher stammt auch die auffallende Ordnung, die noch heute beim Narrensprung herrscht.

Im Jahr 1754 gab es
119 Narren in der Stadt, heute gibt es mehr als 9000 zugelassene Kleidle. Die Kommerzialisierung der Fasnet ist in Rottweil verpönt. 1953 trat die Rottweiler Narrenzunft gemeinsam mit den Zünften aus Elzach und Überlingen aus der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN) aus: Denn diese hatte in ihren Augen zu sehr mit dem Karneval geliebäugelt.

Die vier Rebellenzünfte (Oberndorf kam später dazu) treffen sich seitdem nur noch alle vier Jahre zum gemeinsamen Umzug, sonst nehmen sie an keinen Narrentreffen teil. 2008 gründeten sich die „Reichstetthexa“ in Rottweil – eine Rebellion gegen die hohen Preise für Narrenkleidle. Ein kleiner Empörungsschrei ging durch die Stadt – etabliert haben sich die Protesthexen aber im närrischen Stadtbild nie.  kam