Hanna aus Königsfeld Schule auf dem Schiff: 15-Jährige lebt ein Jahr auf Dreimaster

Immer hart am Wind: Die 15-jährige Hanna von den Zinsendorfschulen in Königsfeld verbringt ein Schuljahr auf hoher See.
Immer hart am Wind: Die 15-jährige Hanna von den Zinsendorfschulen in Königsfeld verbringt ein Schuljahr auf hoher See. © Foto: Privat
Königsfeld / Petra Walheim 13.02.2019
Hanna (15) von den Zinzendorfschulen in Königsfeld lernt ein Jahr lang auf einem Dreimaster. Vor allem fürs Leben.

Der erste Eindruck ist: Wow! Toll! Super! Wie schön sie es doch hat. Aber je mehr die 15-jährige Hanna von den Zinzendorfschulen in Königsfeld (Schwarzwald-Baar-Kreis) von ihrer Reise über die Weltmeere berichtet, umso mehr kippt diese Meinung. Das Mädchen hat das Klassenzimmer für ein Jahr gegen das Leben auf dem Dreimaster „Gulden Leeuw“ getauscht. Das heißt: Jeden Morgen um 7 Uhr aufstehen, Deck schrubben, fünf bis sechs Stunden Unterricht, mit 59 anderen Schülern in Dreier-Stock-Betten in einem Raum schlafen, das Schiff durch Stürme manövrieren. „Trotz der vielen Arbeit genießen wir jede einzelne Minute, denn das ist es, warum wir hier sind“, schreibt Hanna von Barbados aus. Dort hat sie nach Monaten ihre Familie wieder gesehen – und sie hatte Zugang zum Internet.

„Alles fing an mit den Segel- und Abenteuer-Geschichten meines Vaters, die er mir schon als kleines Mädchen erzählt hat“, schreibt Hanna in einer Whatsapp. Sie sei schon immer verrückt gewesen auf neue Welten und „Begegnungen mit dem Gefährlichen“. Als sie zehn war, lernte sie in Ungarn das Segeln, „nicht weit vom Heimatort meiner Mutter“.

Offen für Neues

Hanna ist mit den Sprachen Deutsch, Ungarisch und Englisch aufgewachsen. Nach dem Umzug der Familie nach Luxemburg kamen Luxemburgisch und Französisch dazu. Daher war sie schon „immer offen für internationale Freundschaften“. Nach einem Jahr im Internat der Zinzendorfschulen in Königsfeld entschied sie sich, sich „von meinem gewohnten Umfeld zu trennen und Erfahrungen zu sammeln, die über das Normale hinausgehen“.

Ihr war klar, dass sie mit ihren 15 Jahren an Bord die Jüngste sein würde. Trotzdem „konnte mich nichts von der Gier nach skurrilen Erlebnissen abhalten“. Anfang September 2018 stach Hanna mit zehn Betreuern und 59 anderen Schülerinnen und Schülern von Amsterdam aus in See. Seitdem hat sie Porto, Mallorca, Barcelona, Valencia, Madeira, Marokko, La Palma, Dakar, Teile Südamerikas und Barbados kennengelernt.

„Klingt ja schön und toll, so viele Orte zu besuchen – oder? Jaaaaa, aber da muss man auch erst mal aus eigener Kraft hinkommen und die Segel setzen“, schreibt sie. Das Leben auf dem Schiff ist „kein Luxus“. Alle 60 Schüler schlafen in einem Raum. Mädchen und Jungs sind nur durch eine Pappwand getrennt. „Da gibt es so gut wie keine Privatsphäre.“ Es gibt zwei Duschen für Mädchen, zwei für Jungs und sechs Toiletten für alle.

Wenig Freizeit

Nach dem Wecken um 7 Uhr folgen Frühstück und Musterung. Es wird durchgezählt, ob noch alle an Bord sind. Bis 9 Uhr wird das Deck geschrubbt, die Essenräume werden durchgeputzt, die Toiletten gereinigt, und das Frühstücksgeschirr wird abgewaschen. Dafür werden die Schüler in sechs Gruppen eingeteilt.

Nach 9 Uhr beginnt der Unterricht. Hanna hat mehrere verschiedene Fächer, sitzt pro Tag fünf bis sechs Stunden im Unterricht. Danach folgt die Tageswache. Dabei werden Segel gesetzt oder geflickt, der Motor wird repariert, Geräte werden gereinigt oder „Unfälle“ an Bord bereinigt. Ein solcher „Unfall“ war, als das Schiff voller Maden war.

Je nach Wetterlage und Situation wird das Programm aber auch geändert. „Das Schiff kommt immer an erster Stelle“, schreibt Hanna. Kommt ein Sturm auf, wird der Unterricht gestrichen. Klemmt ein Segel oder Seil, klettern die Schüler in den 40 Meter hohen Mast. Auch die Essenszeiten werden der Situation an Bord angepasst. „Leider haben wir wenig Freizeit, und wenn, dann nutzen wir sie zum Schlafen.“ Die Schüler sind müde, weil sie jede Nacht zwei bis drei Stunden Nachtwache schieben müssen.

Stress und Sorgen sind vergessen, sobald sie an Land gehen dürfen. Dort sehen sie jedoch Dinge, die auch belasten. „Wir waren an Orten, wo Mütter ihre Kinder im Dreck aufziehen.“ Dadurch hätten sie vieles wieder mehr schätzen gelernt, zum Beispiel, ein Bett zu haben. „Viele spüren den Wert der Familien, die wir zu Hause haben, wieder viel mehr.“

„Ich habe hier Freundschaften fürs Leben geschlossen, weil wir die gleichen Erfahrungen teilen.“ Hanna ist dankbar, dass sie all diese Erfahrungen machen darf. „Sie sind eine Bereicherung für die Seele.“ Aktuell ist Hanna auf Kuba. Ende Mai endet ihre Reise.

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Mit der „Gulden Leeuw“ über den Pazifik

Die 15-jährige Hanna von den Zinsendorfschulen in Königsfeld im Schwarzwald ist über die kanadische Privatschul-Organisation „Class Afloat“ auf den Dreimaster „Gulden Leeuw“ gekommen. Nach Angaben der Organisation sind seit 1984 mehr als 1700 Schüler und Studenten über die Weltmeere gesegelt. Das Abenteuer kostet knapp 26 000 Euro für ein Semester, für ein Schuljahr 37 700 Euro. Stipendien sind möglich. wal/epd

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