Verbrechen Unbequeme Fragen im Fall Susanna

Wiesbaden / dpa 11.06.2018
Im Mordfall Susanna sitzt Ali B. in U-Haft, geklärt ist die Tat aber nicht. Braucht es mehr Spezialisten bei der Polizei?

Es sind Bilder, die Eindruck hinterlassen: Schwerbewaffnete, muskelbepackte und schwarz maskierte Polizisten führen den mutmaßlichen Mörder von Susanna nach der Vernehmung zum Hubschrauber. Ali B. hat zuvor gestanden, er habe Susanna getötet. Wegen Verletzungen in ihrem Gesicht, die infolge eines Sturzes entstanden seien, habe er befürchtet, dass sie die Polizei informieren werde. Vergewaltigt habe er sie nicht. Und so wird Ali B. (20) ins Gefängnis nach Frankfurt geflogen. Eines machen die Fotos vom Wochenende schnell deutlich: Die Polizei will im Fall der ermordeten 14-jährigen Susanna ein Zeichen setzen: „Alles im Griff“, soll das Signal heißen.

Am Montag hat sich die Szenerie schlagartig verändert. Für die Ermittler geht es jetzt um die Kern­arbeit: keine symbolträchtigen Bilder, sondern Detailarbeit. Man versucht, an Papiere des Irakers heranzukommen.  Ali B. war ohne Dokumente vermutlich im Oktober 2015 mit dem damals großen Flüchtlingsandrang über die Türkei und Griechenland nach Deutschland eingereist. Auch sein Alter müsse überprüft werden, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Im Vordergrund stehen neben den rechtsmedizinischen Ergebnissen auch die Vernehmung von Zeugen und der Abgleich der Geständnis-Aussagen von Ali B. auf ihren Wahrheitsgehalt – zumal sich die Polizei wegen ihrer Ermittlungsarbeit kritischen Fragen ausgesetzt sieht. Die Suche nach der Leiche etwa dauerte mehrere Tage, was nun die Auswertung und Sicherung von Spuren erschwert.

Freundin befragt

Vermisst gemeldet wurde Susanna am 23. Mai in Mainz, einen Tag nach ihrem Verschwinden. Die verzweifelte Mutter rief am 24. Mai per Facebook zur Suche nach ihrer Tochter auf. Gefunden wurde die Leiche erst am 6. Juni.

Es hatte sich auch eine Freundin der Schülerin bei der Mutter gemeldet. Das Mädchen gab an, anonym von dritter Seite vom Tod des Mädchens erfahren zu haben. Als sie vernommen werden sollte, war sie im Urlaub. Mittlerweile wurde sie zwar befragt. Zum Inhalt der Aussage macht die Staatsanwaltschaft aber keine Angaben.

Susannas Mutter wandte sich auch an die Hamburger Initiative Vermisste Kinder und bat um Unterstützung, wie Vorstand Lars Bruhns sagt. Ob der Polizei Vorwürfe zu machen seien, könne er nicht sagen. Er sieht allerdings generelle „strukturelle Schwächen“ bei der Bearbeitung von Vermisstenanzeigen. „Wir brauchen eine systematische Risiko-Identifikation für alle Fälle.“ Nötig sei zudem eine Art Kompetenzzentrum sowie ein Akut-Alarmsystem, das in bestimmten Fällen die Bevölkerung über ein verschwundenes Kind informiert. Andere Länder hätten ein solches System.

„Kein einfacher Vermisstenfall“

Auf einer Pressekonferenz der Ermittler am Donnerstag hat der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller auf die anfangs schwierige Situation für die Polizei verwiesen. Susanna habe die Schule geschwänzt und sei öfters abgängig gewesen, wie er es formulierte. „Insofern war es kein einfacher Vermisstenfall.“

Für die Bearbeitung solcher Fälle sollte eigentlich in allen Bundesländern ausreichende Kompetenz vorhanden sein, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler. „Aber wir sagen auch: Qualifizierung und Schulungen sind nötig, auch im Bereich von Vermisstenmeldungen. Die Ermittlungsinstrumente – Stichwort Soziale Medien – sind komplexer geworden.“

Beispielsweise regelten die Bundesländer unterschiedlich, ob und wie die Polizei Handys vermisster Jugendlicher orten darf, sagte Fiedler. „Wir plädieren schon lange für mehr Spezialisierung – generell, aber auch für die Bearbeitung von Vermisstenfällen.“

Bundesweit galten zuletzt 7223 Kinder und Jugendliche als vermisst (Stand 1. April 2018). Neue Fälle zählen dazu ebenso wie solche, die bis zu 30 Jahre zurückliegen, wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA) erläutert.

Die Erfahrung der Polizei ist: Die allermeisten Gesuchten, egal ob Kinder oder Erwachsene, werden gefunden. Bereits innerhalb der ersten Woche kläre sich etwa die Hälfte der Fälle auf, heißt es beim BKA. Binnen eines Monats steige die Quote auf mehr als 80 Prozent. „Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent.“

„Man sollte mal den Ernst der Lage begreifen“

Die deutsche Gesellschaft müsse sich Konzepte für den Umgang mit patriarchalisch geprägten und aggressiven Männern überlegen, sagt Susanne Schröter, Ethnologin und Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität. Ob der Fall Susanna, der Fall Kandel oder die Kölner Silvesternacht: „Es ist eine neue Situation.“

Im Islam wie in anderen Religionen gebe es patriarchalisch geprägte Normen, die Gewalt und sexuelle Übergriffe legitimierten, sagt Schröter. Im Fall von Ali B. könne das so sein: „Dieser junge Mann hatte ganz offensichtlich überhaupt keinen Respekt.“ Weder vor der deutschen Gesellschaft, noch vor Frauen oder Polizisten.

Es gebe in Deutschland sehr, sehr viele muslimisch geprägte junge Männer, die Frauen und Werte achten und selbst gegen patriarchalische Strukturen ankämpfen, sagt Schröder: „Das ist keine pauschale Verurteilung von Flüchtlingen, von arabischen Männern oder Muslimen.“

Als „Kulturen-Clash“ bezeichnet sie die Lage: Viele Männer aus muslimisch geprägten Ländern seien gekommen, die unterschieden zwischen „ehrbaren“, früh verheirateten Frauen im Haus und anderen, die sich Rechte herausnehmen. „Nach diesen Normen sind wir alle Schlampen – weil wir uns nicht verschleiern, weil wir im Sommer Haut zeigen, weil unsere Kleidung figurbetont ist, weil wir Alkohol trinken, rauchen.“

Dazu komme, dass es mehr junge Männer als Frauen in Deutschland gebe. „Wir haben mindestens eine Million junger Männer aufgenommen, für die es hier keine jungen Frauen gibt.“ – „Man sollte mal den Ernst der Lage begreifen“, sagte Schröter. Gelinge das nicht, schreite die Polarisierung weiter voran: Rechtsgerichtete Gruppen gewinnen an Zulauf und Migranten schlägt immer mehr Rassismus entgegen. „Das kann man vermeiden, aber man muss es auch wollen.“

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