So versteht die Politik, um was es geht. So kann auch die Öffentlichkeit nachvollziehen, was gemeint ist: Der Begriff „Technologieachse Süd“ transportiert das Bild  einer starken Achse von Wirtschaftsregionen im Süden Deutschlands, die sich von Karlsruhe über Stuttgart, Ulm, Augsburg und München bis Freilassing erstreckt. Der Begriff wurde von einem Marketingfachmann kreiert und dient 13 Industrie- und Handelskammern (IHK) als gemeinsames Schlagwort, um Infrastrukturforderungen Nachdruck zu verleihen. Eine Technologieachse Nord gibt es übrigens nicht – „aber nur Technologieachse allein – das könnte überall sein“, erklärt Peter Stöferle von der IHK Schwaben, so kam es zu dem Beiwort „Süd“.

Zugleich sammeln die Kammern Zahlen und Argumente, die zeigen, warum diese Achse stark ist und deshalb auch eine starke Infrastruktur braucht. Beispiel: Innovationskraft. Mit nur 12 Prozent der deutschen Bevölkerung werden entlang der Achse 17 Prozent des deutschen Industrieumsatzes erwirtschaftet; hier arbeiten 28 Prozent aller Beschäftigten in Forschung und Entwicklung, sie sind für 31 Prozent aller deutschen Patentanmeldungen verantwortlich – also für fast ein Drittel. Aktuell liegt die vierte Auswertung der Studie vor, die von den Kammern zwecks Datenerhebung beim Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos AG in Auftrag gegeben wurde.

Der Augsburger IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Saalfrank leitet aus den aktuellen Ergebnissen die Forderung nach leistungsfähigen Verkehrswegen ab. Gemeint ist zum Beispiel eine schnelle Bahnverbindung zwischen Ulm und Augsburg. Die Trassensuche hat gerade begonnen, in der Region wird diskutiert, ob ein Ausbau reicht oder ein weitgehender Neubau die bessere Lösung ist. „Die politische Bereitschaft für eine große Lösung ist eher gering“, sagt Verkehrsexperte Stöferle. Der Hauptgeschäftsführer der Kammer wird in einer Pressemitteilung so zitiert: „Optimale Verbindungen entlang der Technologieachse Süd sind die Voraussetzung für den Austausch von Forschung und Produktion, von dem am Ende alle entlang der Achse profitieren. Das stärkt Schwaben als Standort für technologieorientierte Produktion.“ Sein Kollege in der Ulmer Kammer, Otto Sälzle, wählt diese Worte: „Nadelöhre auf Schiene und Straße müssen konsequent und schleunigst beseitigt werden.“

Schon die Basisstudie 2013 war erstellt worden, um große Bahnvorhaben voranzutreiben, namentlich die beiden Großprojekte Stuttgart 21 und die ICE-Trasse Stuttgart–Ulm. Sie sind gerade am Entstehen, der Abschnitt Ulm–Augsburg ist sozusagen die logische Fortsetzung dazu.

Es geht indes nicht bloß um Geld für die Baufinanzierung. Es geht auch um Kapazitäten der Bahn: Woran sollen ihre Planungsingenieure arbeiten? Die Kammern auf der Technologieachse stehen mit ihren Wünschen laut Stöferle in Konkurrenz zu den ICE-Strecken  Mannheim–Frankfurt, Bielefeld–Hannover und Nürnberg–Würzburg.

Ganz oben angekommen

Indes: Die Lobbyarbeit zeigte schnell erste Erfolge, so zitierte der damalige Bahnchef Rüdiger Grube schon 2014 bei einer Veranstaltung im Ulmer Stadthaus aus dieser  Studie, stellte Zahlen daraus in den Raum. „Das Thema ist auf höchster Ebene angekommen“, sagt Stöferle. Und auch Alexander Dobrindt habe in seiner Zeit als Verkehrsminister bei einer Veranstaltung des Wirtschaftsbeirats Bayern in München den Begriff Technologieachse in den Mund genommen, was der IHK-Experte als „gigantischen politischen Erfolg“ wertet.

Enge Verbindungen

Der Korridor entlang der Achse wurde für die vierte Auswertung verbreitert. Umfasste er bislang 41 kreisfreie Städte und Landkreise, wurden nun 94 einbezogen. Eine Erkenntnis aus dem erweiterten Untersuchungsraum lautet: Die Regionen ergänzen sich mit ihren Branchenschwerpunkten und sind durch Pendlerverflechtungen eng verbunden.

Die Kosten für die Studie sind vergleichsweise gering: Pro Gutachten muss laut Stöferle „ein niedriger fünfstelliger Betrag“  investiert werden, verteilt auf die einzelnen Kammern sind das lediglich ein paar Tausend Euro.

Die Augsburger Kammer nutzt die Marke „Technologieachse Süd“ auch dazu, weitere Unternehmen mit innovativen Technologien in die Region zu holen. „Mit diesem Label kann man nach außen treten.“ Dabei steht die IHK Schwaben in einem europäischen Wettbewerb. Stöferle: „Auf einer Technologieachse kann man nicht stehen bleiben, man muss möglichst voranrennen.“

Wirtschaftslexikon


Definition: Lobbyarbeit ist eine Form der Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft. Sie dient dazu, in Entscheidungsprozessen Einfluss zu nehmen. Da der Begriff mitunter negative Assoziationen auslöst, sprechen Interessenverbände meist lieber von Politikberatung.