Das Fischsterben in der Schozach bei Heilbronn wurde offenbar durch doppelte Schlamperei verursacht. Das Landratsamt hat bestätigt, dass in einer Spedition tausend Liter einer wassergefährdenden Chemikalie ausgelaufen seien. Dieser Stoff wurde nicht durch ein Sicherungssystem zurückgehalten, sondern gelangte direkt in den Bach. Landratsamt und Polizei hatten von der Panne wohl erst am Freitag erfahren – geschehen war sie bereits am Dienstag, wie ein Sprecher des Unternehmens einräumte.

Das ist ein Skandal“, erklärte Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), „da hat jemand nicht aufgepasst – auch bei der Baugenehmigung.“ Offensichtlich sei die giftige Chemikalie „an der Kanalisation vorbei in das Flüsschen gelangt“. Doch spätestens seit der Sandoz-Katastrophe 1986 – beim Brand einer Lagerhalle nahe Basel gelangten Pflanzenschutzmittel mit dem Löschwasser in den Rhein, wodurch Fische bis Mannheim verendeten – sei bekannt, dass Betriebe mit wassergefährdenden Stoffen „ausreichend große Auffangvorrichtungen“ haben müssten. „Ein Rohr oder Graben von derartigen Betrieben, die an der Kläranlage vorbei in Gewässer führen, ist schlichtweg kriminell“.

Am Samstag war die Leitung unter Aufsicht des Landratsamtes abschnittsweise gereinigt worden. Spezialisten pumpten mit schwerem Gerät Wasser hinein und saugten es einige Meter entfernt wieder ab. Damit sollte verhindert werden, dass eventuell vorhandene Reste der schädlichen Flüssigkeit in die Bäche gelangen könnten. Warum die Giftbrühe überhaupt diesen Weg hatte nehmen können, war vor Ort nicht zu erfahren. Die Presse werde voraussichtlich am Montag informiert, hieß es.

Auch tote Enten gefunden

May-Stürmer bezweifelt die eingestandene Dimension des Zwischenfalls auf dem Speditionsareal, weil auch tote Enten gefunden worden sind. Das angegebene Reinigungsmittel führe bei Fischen zum Ersticken, Wasservögel jedoch hätten darunter nicht zu leiden. „Das macht mich stutzig, da kann vielleicht noch etwas anderes ausgelaufen sein.“

Der Gewässerbiologe bezeichnete das ausgeflossene Reinigungsmittel als „akut toxisch für Wasserorganismen“, es könne deshalb „langfristig schädliche Wirkungen auf Gewässer-Ökosysteme haben“. Diese Einschätzung teilt Umweltminister Franz Untersteller (Grüne): „Das ist ökologisch verheerend, und es wird lange dauern bis sich die Schozach davon erholt hat.“ Er nannte drei Möglichkeiten einer solchen „ökologisch verheerenden Bilanz“: „Fahrlässigkeit, ein Unfall oder im Einzelfall vielleicht sogar kriminelle Energie.“

Der Minister appellierte: „Wir müssen weiterhin alles daransetzen, dass solche Ereignisse nicht vorkommen.“ May-Stürmer kennt die Grenzen der Möglichkeiten: „Wenn es in der Praxis so aussehen würde wie es in den Verordnungen steht, dürften solche Unfälle gar nicht passieren – da besteht ein deutliches Defizit bei Vollzug und Überwachung.“

Das Ausmaß der Umweltkatastrophe lässt sich noch immer nicht überblicken. Zwar melden Ämter und Angler „Massen toter Fische“; belegbare Fischmengen gibt es noch nicht. Viele Kadaver wurden von Feuerwehrleuten mit Keschern herausgefischt. An der Einmündung der Schozach in den Neckar liegen hunderte kleinere Fische auf dem Grund des Baches. In Ilsfeld und Talheim wird noch immer vor „jeglicher Wasserentnahme aus der Schozach“ gewarnt. Es handle sich um „eine toxische Verunreinigung, von der hohe Gefahr ausgeht“.

Zunächst war befürchtet worden, dass die Giftbrühe auch Säugetiere tötet. In der ersten Aufregung war ein totes Reh neben dem Bach gemeldet worden. Tatsächlich war es ein Fuchs, der bereits verwest war.

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Erinnerung an die        Jagst-Katastrophe


Beim Löschen eines Mühlenbrandes war im August 2015 Ammonium in die Jagst gespült worden. Auf 25 Kilometern waren rund 20 Tonnen Fische verendet, bis zu 45 Kilometer weit wurden Kiemen geschädigt. Das Biotop wurde so massiv beeinträchtigt, dass trotz aufwendiger Maßnahmen die Folgen bis heute nicht beseitigt sind. Die Jagst ist viel breiter und fischreicher als die Schozach, von der etwa 15 Kilometer betroffen sind. hgf