Energie Streit um AKW-Rückbau in Neckarwestheim

Der Rückbau sorgt für Ärger: AKW Neckarwestheim.
Der Rückbau sorgt für Ärger: AKW Neckarwestheim. © Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Neckarwestheim / Hans Georg Frank 07.02.2019

Fast 200 Atomkritiker haben mehr als 300 verschiedene Bedenken vorgebracht gegen die zweite und letzte Genehmigung für den Rückbau des Kernkraftwerks GKN 1 in Neckarwestheim. Zur Erörterung der gegensätzlichen Argumente kamen gestern nur vier Personen.

Bei dem Termin offenbarten sich die unterschiedlichen Ansichten der Gegner. Die Initiative „Atomerbe“ rief zum Boykott auf, weil die Anhörung „eine Farce“ sei. „Alle relevanten Entscheidungen werden gegen Schutz und Gesundheit der Menschen getroffen, die Erörterungstermine simulierten nur Beteiligung“, behaupteten die Aktivisten.

Gerrit Niehaus, Abteilungsleiter beim Umweltministerium, hob hervor, dass die Aufsichtsbehörde zu dieser Aussprache gesetzlich nicht verpflichtet sei. Kraftwerksbetreiber ENBW habe sich dagegen gewehrt. „Aber wir wollen alle Chancen der Öffentlichkeitsbeteiligung nutzen, das ist in Baden-Württemberg unter Kretschmann Programm“, sagte Niehaus. „Wir nehmen alle Einwendungen ernst, auch wenn sie nicht mündlich verstärkt werden“, erklärte der Verhandlungsleiter, der die gemeindeeigene Reblandhalle vorsorglich für drei Tage reservieren ließ.

Einen Boykott hält Gertrud Patan vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz für wenig sinnvoll, auch wenn Ort und Zeit ungünstig seien und meist „wenig erreicht“ werde. Es sei „verantwortungslos, dass nicht schon alle Atomanlagen abgeschaltet sind“, hielt sie den Abgesandten von Minister Franz Untersteller (Grüne) und der ENBW vor. „Besorgniserregend“ sei die „Lagerung von Atommüll im Freien“, weil bei einem Störfall riesige Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden könnten.

Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) brauchte 31 Seiten für die Ablehung der Vorhabens. „Zentraler Knackpunkt“ sei die so genannte Freimessung großer Mengen Abbruchmaterials, die dann auf herkömmliche Deponien geschafft würden und die Strahlenbelastung erhöhen könnten. May-Stürmer weiß um die begrenzte Wirkung der Argumente nach mehr als 100 Anhörungen in allen möglichen Bereichen. „In aller Regel wird ein Kompromiss gefunden, mit dem alle zufrieden sein können – nur im Atomrecht nicht.“ Wenn es um die Kernkraft gehe, würden „nur Standpunkte ausgetauscht, keine Lösungen gesucht“.

Manfred Möller, Chef der sechsköpfigen ENBW-Delegation, schloss eine Gefährdung  durch die Demontage des 2011 stillgelegten Meilers GKN 1 aus. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung habe ergeben, dass mit „keinen erheblichen nachteiligen Auswirkungen“ für Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft, Klima, Landschaft und Kulturgüter zu rechnen sei. „Für uns ist der Rückbau ein Teil der Energiewende, den wir verantwortungsvoll anpacken“, sagte Möller.

Wann über den Antrag der ENBW entschieden wird, lässt sich derzeit nicht absehen. Die jetzt gewonnenen Erkenntnisse flössen in den Genehmigungsprozess ein, erklärte Gerrit Niehaus, Leiter der Atomaufsicht. Sollten im Interesse der Sicherheit Nachbesserungen notwendig sein, „werden wir diese beim Kraftwerksbetreiber auch einfordern“.

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