Als Gourmet-Bibel wird der Fressführer von Michelin angebetet. Wenn Inspektoren ihre Sterne verteilen, heben solvente Feinschmecker die frohe Botschaft in den Rang eines Evangeliums.

Doch jetzt ist der „Guide“ in Verruf geraten, weil er – ausgerechnet in Baden-Württemberg – ein Wirtshaus mit einem Stern für „eine Küche voller Raffinesse“ ausgezeichnet hat, obwohl schon seit Sommer 2018 der Herd kalt ist. Die Redaktion sei über eine „vorübergehende Schließung“ der „Alten Vogtei“ in Köngen informiert worden, am 15. Januar hätte wieder aufgekocht werden sollen, verlautet zur Entschuldigung aus Karlsruhe. Offenbar ließen sich die strengen Testesser austricksen.

Der Koch holte frech den unverdienten Stern bei der Gala in Berlin ab. Das Foto schmückt sein Profil bei Facebook.

Pannen sind Michelin nicht fremd. Der „Adler“ in Rosenberg bei Ellwangen war 2017 noch einen Stern wert, obwohl der Patron 2016 seinen Rückzug angekündigt hatte. 2017 wurde im „Guide rouge“ für Frankreich eine Imbissbude mit einem Top-Lokal verwechselt. 2005 empfahl Michelin in Belgien ein Restaurant, das bei der Inspektion noch eine Baustelle war.

Vielleicht sollten Freunde der Feinkost nicht blindlings den Testessern glauben und lieber selber Sterne nach ihrem Geschmack verteilen. Da fielen gewiss jedem Gast etliche Adressen ein, die gar nicht so exquisit sein müssen. Zum Beispiel die gemütliche Wanderhütte Sattelei im Wald beim „Sterne-Dorf“ Baiersbronn. Dort ist schon das knusprige Brot eine Offenbarung.