Heutzutage trinkt man keinen guten, sondern einen schönen Wein. Also kann man auch "schönes Denken" versprechen, wie es das Programm des Humboldt-Colloquiums der Universität Ulm tat.

Geradezu vorbildlich löste das Versprechen Dieter Borchmeyer mit seinem Vortrag "Die Romantik oder Eines langen Tages Reise in die Nacht" ein. Nicht nur, weil der emeritierte Heidelberger Professor für Literatur, der seit 2004 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ist, mit spürbarer Lust am literarischen Gegenstand sprachlich diesen selber zu übertreffen suchte. Nein, die eigentliche Sensation des Abends war die Musik mit der jungen Sopranistin Magdalena Hinterdobler und Gerold Huber am Klavier. Wenn sie die von Borchmeyer interpretierten romantischen Gedichte in Vertonungen etwa von Schumann vortrugen, erhielten die eine neue, stimmungsvolle Qualität, welche die eigene, innere Rezitation eines Eichendorff-Verses wie "Es war als hätt" der Himmel/ die Erde still geküsst" in eine ganz andere Dimension hoben.

Dabei war Gerold Huber mit seinem leichthändigen, emotionalen Spiel keinesfalls nur ein Begleiter am Klavier. Nur so wird aus dem bisweilen etwas bemüht wirkenden Kunstlied ein Erlebnis, das Sprache zu Klang und Klang zu einer eigenen Sprache werden lässt. Dass die Lieder nicht einfach an den Anfang oder das Ende des Vortrags gestellt, sondern an gegebener Stelle vorgetragen wurden, sollte Schule machen.

Dieter Borchmeyers Vortrag über das romantische Nacht-Motiv, das "die Aussicht in die Räume der Möglichkeiten" eröffne, die vom Licht-Motiv und der Ratio der Aufklärung "nie erreicht werden", löste den Grenzgang zwischen Philosophie und Kunst nicht so recht ein. Umso deutlicher taten das Christoph Bartscherer und Helmut Koopmann. Ersterer, von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, sprach über "Heinrich Heines Werk im Spiegel der Philosophie Friedrich Nietzsches".

Nietzsche habe Heine beerbt, war die Grundthese des Referenten, die er mit einer Fülle von Zitaten aus Briefen und Werken beider belegte. Wobei die Heimholung Nietzsches ins Himmelreich, die Bartscherer am Ende seines Vortrags vornahm, indem er Nietzsche zur Synthese von "Dionysos und Christus" erhob, im Publikum doch Skepsis hervor rief.

Heideggers "Sein und Zeit" und Thomas Manns Josephsromane galt der Abschlussvortrag des emeritierten Augsburger Germanistik-Professors Helmut Koopmann. Auch wenn Thomas Mann Heideggers Buch wohl nicht gelesen hat, sind die Parallelen zwischen den Werken erstaunlich, obwohl Mann eine aggressive Abneigung gegen Heidegger gehabt habe. Doch der "Weg in die Existenz", die "Ich-Suche" und deren "Befreiung aus einer Rolle, die dem Ich keinen Raum gab", so Koopmann über die Josephsromane, diese Suche hat auf unterschiedliche Weise Heidegger wie Mann beschäftigt.

Zwei Tage ging das von Renate Breuninger organisierte 11. Ulmer Colloquium des Humboldt-Studienzentrums, und diese zwei Tage zeigten, dass es solche Veranstaltungen in Ulm einfach zu selten gibt.