Heute ein unwirtlicher, verkehrsumspülter, die Stadt wenig schmückender Eingang in die Innenstadt, soll der Platz vor dem Ulmer Hauptbahnhof neu gestaltet werden. Anlass sind der Bau einer 550 Stellplätze großen Tiefgarage, der Sedelhöfe und die Neuorganisation des öffentlichen Nahverkehrs.

Weil ein Bürgerabend am selben Tag stattfand wie die Mitgliederversammlung des Vereins Ulmer City Marketing, hat Baubürgermeister Tim von Winning Einzelhändlern bei einer Runde im Rathaus seine Vorstellungen erläutert, wie der Bahnhofsvorplatz nach Fertigstellung der Tiefgarage 2020 gestaltet sein sollte. Einschätzung beider Seiten: Es war ein offenes Gespräch, ideologiefrei und frei von gegenseitigem Misstrauen.

Tim von Winning möchte die bisherige Planung bekanntlich an zwei Punkten ändern: Er hält ein 120 Meter langes Dach über der Straßenbahnhaltestelle für falsch. Es habe zu stark trennende städtebauliche Wirkung, wo man gegenüber dem am Bahnhof eintreffenden Publikum doch den Eindruck willkommener Offenheit erzeugen wolle. Zweite, heiklere Angelegenheit: Nach einem neuen Gutachten, das auf Verkehrsprognosen fürs Jahr 2030 basiert (die für Ulm einen weiter leicht steigenden Individualverkehr voraussagen), reichen in der Friedrich-Ebert-Straße zwei Fahrspuren aus, um den Verkehrsfluss  sicherzustellen. Er stockt bisher nur in der morgendlichen und spätnachmittäglichen Spitzenstunde, wenn bis 1100 Fahrzeuge die Straße passieren. Um Platz für Städtebau, Gestaltung, Radfahrer, Fußgänger zu gewinnen, plädiert von Winning also dafür, von vorgesehenen vier zu den ursprünglich schon einmal vorgeschlagenen  zwei Fahrspuren zurückzukehren.

Der Cityhandel sieht dies teils kritisch. Von dieser städtebaulichen Entscheidung hänge viel ab, sagt Citymanager Henning Krone. Denn es gehe um die Erreichbarkeit der Einkaufsstadt. Daher gebe es im Handel eine Tendenz zu vier Spuren. Seien Ebert- und Olgastraße doch die letzte vierspurige, meist staufreie Verkehrsachse durch Ulm. Nach dem neuen Gutachten gehe es nun um eine Überprüfung der Fakten. Dann wolle man sich an die Fraktionen wenden. „Wir stellen Futter für den Gemeinderat zusammen.“

Die Zeit dränge, weil die Entscheidung im Stadtparlament bereits nach der Sommerpause fallen soll (siehe Infokasten). Tim von Winning „macht schon Druck“, sagte Krone. Der Handel, der in scharfer Konkurrenz zum Internet stehe, könne im Gutachten angeführte „Komfortverluste“ für das Einkaufspublikum aus der Region nicht hinnehmen.

Das Gutachten prognostiziere eine Zunahme der Stopps in der Ebert-Straße von bisher 0,7 auf 1,4. Das bedeute eine Verdopplung. Keinesfalls dürften die Besucher der City wegen Staus kehrtmachen und nach Senden fahren. Schon heute sei die Erreichbarkeit der City wegen des fehlenden Parkhauses Sedelhöfe verschlechtert. Dieser Mangel an Reserven mache sich in nachlassender Frequenz bemerkbar, und zwar nicht nur in der Einkaufsmeile Bahnhof-/Hirschstraße. Denn das Publikum, das auf dieser Achse zwischen Bahnhof und Münster fehle, werde auch nicht in die kleineren Gassen „weitergespült“. Die City befürchtet während der vier Baustellenjahre eine Zunahme der Ladenleerstände.

Als eines der Häuser in Bahnhofsnähe ist Sport Sohn besonders betroffen. Firmenchef Christoph Holbein war bei der Info mit von Winning dabei, mit 17 weiteren Geschäftsleuten. Nachdem Holbein beim Thema Sedelhöfe noch als einer der härtesten Kritiker des Rathauses galt, lobt er nun den „tollen Diskussionsstil“ von Winnings. Der Baubürgermeister habe plausible, transparente Fakten vorgelegt, die am  Bahnhof eine Reduktion auf zwei Spuren rechtfertigten. Man müsse diese teils überraschenden Tatsachen überprüfen, da es bei der Erreichbarkeit der City um ein „zentrales Thema“ für den Handel gehe. Er habe aber Verständnis, dass das Rathaus zusätzliche Flächen für den Städtebau gewinnen wolle. Man wolle in der City möglichst bis Ende August zu einer einheitlichen Meinung gelangen  – und zwar nicht auf der Grundlage von „Bauchgefühl“, sondern von „echten Informationen“. IHK-Handelsexperte Josef Röll lobte ebenfalls die „hohe Sachlichkeit in der Diskussion“.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Der Klimaveränderer

Es gab Zeiten – als das mittlerweile begrabene alte Sedelhöfe-Konzept in die vermeintlich heiße Phase trat  –, da redeten  Stadtspitze  und einige Einzelhändler aus der Bahnhofstraße nicht mehr miteinander, sondern lieber lästernd übereinander. Das ist vorbei. Keine rüden, schon gar keine juristischen Auseinandersetzungen mehr. Stadt und Handel sind wieder im Dialog.

Das zeigt sich in der Frage, wie der abgewirtschaftete Ulmer Bahnhofsplatz zum repräsentativen Stadteingang umgebaut werden kann. Dieses Grundanliegen  muss ja nun im Interesse beider Seiten sein. Nicht mal eine Frage, die allzu gerne Gefahr läuft, in ideologische Gräben  abzudriften, kann dem neuen Umgangston etwas anhaben: Braucht die Friedrich-Ebert-Straße nun weiterhin  vier Autospuren oder tun es nicht auch zwei, um die Einkaufscity erreichbar zu halten, sie dafür aber schöner zu gestalten?

Die Klimaverbesserung hat auf städtischer Seite einen Namen, der in diesem Zusammenhang zum Wortspiel reizt: mit Tim von Winning und der ihm allenthalben konzedierten gewinnenden Art. In der Tat tritt der Baubürgermeister sowohl gegenüber Stadträten als auch Bürgern, in diesem Fall Einzelhändlern, zwar bestimmt auf, aber eben nie alles bestimmend; verbindlich und doch auch offen für das andere Argument.

Diese Art von Klimaveränderung ist zu begrüßen. Die Entscheidung, ob zwei oder vier Spuren, nimmt das gute Wetter dem Gemeinderat aber nicht ab.

So geht’s weiter

Nach der Sommerpause Baubürgermeister Tim von Winning drückt auf die Tube: Gleich nach der Sommerpause möchte er die Grundsatzentscheidung, wie es weitergehen soll am Bahnhof. Also Abkehr vom langen Dach und Rückkehr zu zwei Fahrspuren in der Ebert-Straße? Oder eben nicht. Vorberatung im Fachausschuss am Dienstag, 27. September. Finale Entscheidung im Gemeinderat am Mittwoch, 12. Oktober.