Neu-Ulm Zwei Neu-Ulmer und ihr Weg zum Fliegen

Neu-Ulm / BERND RINDLE 23.04.2015
Hermann Köhl und Karl Kitzinger - zwei Neu-Ulmer, zwei Flieger, zwei Lebenswege: Der eine wird zum gefeierten Luftfahrtpionier, der andere zum Kriegsverbrecher. Eine Führung auf der Spur der beiden.

Immer wenn sich sein Geburtstag jährt, besinnt man sich in Neu-Ulm des berühmten Sohnes und Transatlantikfliegers Hermann Köhl, der heuer 127 Jahre alt geworden wäre. Dann schlägt die Stunde der Historiker, die in akribischer Forschungsarbeit jeden Stein zweimal umdrehen, um neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern. Manchmal stoßen sie dabei auf Figuren, an die man sich eher ungern erinnert, wie die aktuelle Führung der Neu-Ulmer Stadtarchivarin Janet Loos zeigt, bei der sie die Schnittstellen, Parallelen und Unterschiede im Leben der Zeitgenossen Köhl und Kitzinger nachzeichnet.

Während Leben und Wirken des 1888 geborenen Luftfahrt-Enthusiasten Köhl mittlerweile allenthalben erhoben sind, ist der Bekanntheitsgrad des zwei Jahre älteren Karl Kitzinger eher gering. Er kam auf der Insel, zwei Steinwürfe von Köhls Geburtshaus zur Welt. Kitzinger war im Dritten Reich ein hochrangiger Offizier und gehörte nach Lage der Dinge zum inneren Kreis Hitlers. Was Janet Loos über ihn herausfinden konnte, stammt vornehmlich aus der 200-seitigen Personalakte des Militärarchivs. "Kitzinger ist mir zufällig bei einer Anfrage über den Weg gelaufen, ich kannte ihn vorher nicht", sagt sie über ihre Motivation.

Parallelen zwischen Köhl und Kitzinger gibt es mehr als nur ihre Geburtsstadt. Beide dienten im 13. Pionier-Bataillon der Württembergischen Armee in Ulm und nahmen am Ersten Weltkrieg teil: Köhl als hochdekorierter Flieger, Kitzinger weitgehend als Stabsoffizier, und beide Männer überlebten trotz jeweiliger Verwundung. Uniformiert blieben sie auch nach Krieg: Diesmal trugen sie den Rock der Reichswehr der Weimarer Republik.

Köhls Tage als Militärpilot waren indessen gezählt, da die Versailler Verträge entsprechende fliegerische Betätigungen in Deutschland untersagten, hat Janet Loos weiter herausgefunden. Aufgrund der Reduzierung der Reichswehr auf 100 000 Mann wurde Köhl Infanterist und letztlich Kompaniechef des 5. Pionier-Bataillons seiner Heimatstadt, bevor er 1925 den Dienst quittierte, um sich der zivilen Luftfahrt zu widmen und schließlich bei der frisch gegründeten Lufthansa anheuerte. Der Rest ist Luftfahrtgeschichte.

Auch Kitzinger kam zurück an die Donau, im Zuge der Machtergreifung der Nazis wurde er zum Kommandanten der "Festung Ulm", was er allerdings nicht lange blieb. Während Köhl in Ungnade fiel, weil er unter anderem die Offerte Hermann Görings ausgeschlagen hatte, im Luftfahrtministerium zu arbeiten, startete Karl Kitzinger erst richtig durch. Obwohl er "kaum in einem Flugzeug gesessen" sei, sagt Loos weiter, ist er zum General der Flieger befördert worden.

In erster Linie war er mit Logistik beschäftigt und tat das, was er bei den Pionieren und der "Linienkommission" als Spezialist für Schienentransporte der Reichswehr gelernt hatte: den Nachschub zu organisieren. "Kitzinger war ein Organisationstalent, das hat man ausgenutzt und da hat er seine Fähigkeiten entfaltet", lässt die Leiterin des Stadtarchivs wissen. Nicht zuletzt im Rahmen einer neuen Verwendung: "Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde er eingesetzt als Kommissar der Ukraine und ist dort wegen seiner Befehle berühmt/berüchtigt geworden. Und zwar wegen der Vernichtung Tausender von Juden." So soll er unter anderem 1942 den Befehl erteilt haben, jüdische Gefangene einer "Sonderbehandlung zuzuführen".

Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat wurde Kitzinger als Nachfolger von Carl-Heinrich von Stülpnagel zunächst Militärbefehlshaber in Frankreich, bevor er bis zum Kriegsende das Oberkommando Festungsbereich West inne hatte. Für seine Taten hat sich Karl Kitzinger nie verantworten müssen, weder vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, noch anderweitig. "Er ist nach seiner Kriegsgefangenschaft untergetaucht, und ich habe nur herausgefunden, dass er als kaufmännischer Angestellter in Stuttgart gearbeitet hat und 1962 76-jährig in Echterdingen gestorben ist", sagt Janet Loos.

Ein ähnlich langes Leben war Hermann Köhl nicht vergönnt: Er erlag 1938 einem Nierenleiden, das er sich - so zumindest ist es überliefert - bei der Fliegerei zugezogen haben soll.

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