Kita Zwei Frauen starten Online-Petition: "Bildung soll nichts kosten"

Bildungsgerechtigkeit heißt für Yasemin Arpaci (links) und Daniela Mezger, dass der Besuch von Kita und Kindergarten kostenfrei ist. Beide bezeichnen die Gebühren für die Einrichtungen in Ulm als unverhältnismäßig hoch.
Bildungsgerechtigkeit heißt für Yasemin Arpaci (links) und Daniela Mezger, dass der Besuch von Kita und Kindergarten kostenfrei ist. Beide bezeichnen die Gebühren für die Einrichtungen in Ulm als unverhältnismäßig hoch. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / BEATE ROSE 02.10.2014
Der Besuch von Krippe und Kindergarten soll kostenfrei sein. Das fordern die beiden Ulmerinnen Yasemin Arpaci und Daniela Mezger. Deswegen haben die berufstätigen Mütter eine Online-Petition gestartet. Mit einem Kommentar von Beate Rose.

Die Schule ist kostenfrei, das Studium in den meisten Regionen in Deutschland auch. Warum sollte der Besuch von Krippe und Kindergarten Geld kosten? Zumal für die Ulmerinnen Yasemin Arpaci und Daniela Mezger feststeht: "Sprachförderung, soziales Miteinander, professionelle Betreuung - der Kindergarten leistet Bildungsarbeit. Bildung sollte nichts kosten", formuliert es Arpaci. Mezger schiebt nach: "Wir sind dagegen, dass in Ulm Familien als Einnahmequellen verstanden werden."

Arpaci und Mezger wollen nicht als zwei "spinnige Mütter" verstanden werden, wie es Mezger formuliert. Beide sind berufstätig, haben kleine Kinder. Beide wissen also, wovon sie reden, wenn sie über Kosten für Kinderbetreuung sprechen. Ein Thema, das Dauerbrenner unter Eltern ist. Denn "die Gebühren für Kita und Kindergarten sind in Ulm unverhältnismäßig hoch", fasst es Daniela Mezger zusammen. Alle Eltern würden klagen. Die gültige Gebührenordnung stammt aus dem Jahr 2003, wurde jedoch immer wieder mit Zustimmung des Gemeinderats geändert, was bedeutet, dass die Gebühren meist erhöht wurden, zuletzt im März dieses Jahres.

Die Gebührentabelle liest sich stets verwirrend - und zwar so: Abhängig sind die Beiträge davon, wie lange die Kinder in einer Einrichtung betreut werden, wie alt die Kinder sind, wie viele Kinder eine Familie hat und wie viele gleichzeitig eine Einrichtung besuchen. Den Höchstbetrag muss man zahlen, wenn das monatliche Nettoeinkommen der Familie 5306 Euro oder mehr beträgt. Dann werden bei einem Kind, das ganztags im Monat über 48 Stunden betreut wird, 8,55 Prozent des Einkommens fällig, bei einer Familie mit einem Kind sind das 454 Euro. Bei einem Kind unter drei Jahren wird das 1,5-fache der Gebühr erhoben.

Eltern tun sich schwer, über das, was sie zahlen, öffentlich zu reden. Yasemin Arpaci macht eine Ausnahme. Sie arbeitet Vollzeit im Kundendienst. Für den Kindergartenplatz des vierjährigen Sohnes zahlt sie im Monat knapp 400 Euro. Da die Betreuungszeiten im Kindergarten der Berufstätigen nicht ausreichen, beschäftigt sie auf 450-Euro-Basis eine Kinderfrau. "Ich komm mir vor wie im Hamsterrad", sagt sie. "Ich muss mehr arbeiten, um die Betreuung zahlen zu können."

Die Frauen haben Zahlen zusammengetragen, die belegen, was das für Familien aus ihrem Bekanntenkreis bedeutet. Eine Familie etwa, die über ein monatliches Einkommen von 5500 Euro verfügt, zahlt für den Kindergartenbesuch ihrer beiden Kinder monatlich 934 Euro. Eine Alleinerziehende, die über ein Einkommen von 2100 Euro verfügt, muss für ihren Sohn 225 Euro Kindergartengebühr zahlen - Monat für Monat. "Das Geld fehlt, um sich etwa eine Wohnung mit Kinderzimmer zu leisten", sagt Mezger.

Aus diesen Gründen haben Arpaci und Mezger vor zehn Tagen eine Online-Petition gestartet, in der sie ihre Forderungen ausführen. 80 Unterzeichner gibt es mittlerweile, die durchweg Unterstützung für Eltern fordern. 60 Tage steht die Petition im Internet. Nach Ablauf der Diskussion wollen sich die beiden Frauen an die Ulmer Bürgermeisterin Iris Mann, zuständig für Bildung, Kultur und Soziales, wenden und ihr die Petition in ausgedruckter Form plus Unterschriften übergeben.
 

Ein Kommentar von Beate Rose: Gebührenfreie Kitas: Elternbeiträge abschaffen

Bildung ist in Deutschland kostenfrei. Nur im Vorschulalter kostet sie etwas. Warum? Das finden viele Eltern unlogisch. Noch für eine zweite Rechnung haben Eltern keine Lösung: Die Gebühren für Kitas und Kindergärten sind gerade in Ulm hoch, die Erzieherinnen aber verdienen unterirdisch schlecht. Warum? Und: Wo geht das Geld hin?

Die beiden Frauen, die kürzlich eine Petition im Internet gestartet haben und sich für gebührenfreie Kitas und Kindergärten stark machen, haben völlig Recht. Denn das Geld, das jede Ulmer Familie für die Kinderbetreuung Monat für Monat aufbringen muss, fehlt in der Familienkasse. Eine größere Wohnung? Von 300 Euro mehr ließe sich die vielleicht bezahlen.

Natürlich ereifern sich bei diesem Thema die Kinderlosen, die fragen: Wer solls zahlen, etwa ich? Die Antwort lautet: Alle. Wenn eine Gesellschaft Kinder haben will, und das wird seit Jahren allerorten beteuert, dann müssen alle bereit sein dafür aufzukommen. Wer Familien unterstützen will, muss Elternbeiträge abschaffen. Doch stattdessen werden Dinge wie Betreuungsgeld ausgebrütet und an Eltern gezahlt, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen.

Die beiden Frauen können mit ihren Forderungen noch weitergehen: Besser bezahlte Erzieherinnen, mehr Erzieherinnen für kleinere Gruppen, größere Flächen zum Spielen - erst dann könnten wir anfangen, über Qualität von Bildungsarbeit im Kindergarten zu reden.


 
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