Ulm Zuspätkommen: Dichtung und Wahrheit

Ute Gallbronner 19.10.2016
Keine Abi-Zeitung ohne die kreativsten Ausreden fürs Zuspätkommen. Schminke verlaufen, Handy nicht gefunden, ein Schwertransport auf der Straße. . . Was nun wirklich höhere Gewalt ist, und was nicht – das zu unterscheiden, bedarf es pädagogischen Gespürs.

Zurzeit ist mancher Lehrer schon froh, wenn seine Schäflein im Klassenzimmer landen. Besonders aus dem Ulmer Norden gibt es kaum ein pünktliches Durchkommen. Wer mit der Bahn reist, ist aber nicht viel besser dran: querliegende Äste, Störungen im Betriebsablauf, Anschluss verpasst.

Manche Eltern haben die Nase voll. Dass ein Kind pünktlich zur Schule kommt, das sollte in einem zivilisierten Land selbstverständlich sein. Entsprechend genervt ist der Puffer zwischen ÖPNV und Eltern: Schulleiter und ihre Sekretariate. Eltern beschweren sich, weil der Bus nicht kommt. Lehrer beschweren sich, weil die Kinder nicht kommen. Bei Bussen und Bahnen heißt es: Alles halb so wild, die Eltern sind hysterisch.

Auch bei Lehrern gibt es solche und solche. Die einen vertrauen auf das Gute im Kind, die anderen wittern Verrat. Letzteres mit der Folge, dass sich am Hauptbahnhof Schüler-Schlangen vor dem Info-Schalter bilden. Ob sie denn nicht zur Schule müssen? Schon, aber erst brauchen sie eine Bestätigung, dass ihr Zug Verspätung hatte. Später kommen, weil man die Verspätung bestätigen lassen muss?

Nicht jede Schule macht da mit. Auch bei Krankheiten gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen: Den einen reicht die mündliche Entschuldigung, die anderen verlangen auch von Grundschülern ab dem ersten Fehltag ein ärztliches Attest. Letzteres ist nach §2 Abs. 2 der Schulbesuchsordnung eigentlich erst nach zehn Fehltagen vorgesehen. Oder bei besonderem Misstrauen.