Seit dem Hilferuf der Ulmer Händler, die Verwahrlosung, Kriminalität und Gewalt in der Bahnhofstraße beklagen, hat die Debatte um die Sicherheit in der Innenstadt eine merkwürdige Wendung genommen. Plötzlich gelten die, die sich an die Öffentlichkeit gewandt haben, als Nestbeschmutzer. Was für eine abenteuerliche Verdrehung der Ursachen. Denn der Alarm, der manchem zu schrill in den Ohren klingelte, entsprang offenbar einem Gefühl der Hilflosigkeit.

Anscheinend waren die Zustände Stadt und Polizei schon länger bekannt, ohne dass erkennbare Reaktionen zu spüren waren. Erst nach den Schilderungen von planmäßigem Ladendiebstahl und dem Film von einer Massenschlägerei ging alles sehr schnell: Die Zahl der Streifen wurde erhöht, und damit der Kontrolldruck. Warum nicht gleich so?, fragen sich Beobachter.

Ulm ist sicher, hat der Oberbürgermeister unmissverständlich festgestellt. Gemessen an der Zahl der Delikte kann ihm da niemand widersprechen. Und dennoch ist das subjektive Sicherheitsempfinden bisweilen ein anderes. Wenn Angestellte Hinterausgänge meiden, wenn Passanten Umwege machen, dann sind das Signale, die ernstzunehmen sind. Deshalb wäre es konstruktiver, den Dialog mit dem Handel zu führen und über Themen wie bessere Beleuchtung oder eine Ausweitung der Videoüberwachung nachzudenken, als den Geschäftsleuten Alarmismus vorzuwerfen.

Ohne Maulkorb

Es ist ja prima, wenn sich Politiker kreative Gedanken über kluge Vermarktung machen. Aber daraus lässt sich schwerlich die Drohung ableiten, dem City-Marketing künftig Zuschüsse zu streichen. Einen Maulkorb für Überbringer schlechter Nachrichten kann sich niemand wünschen. Wohl aber mehr Informationen.

Denn neben der Obdachlosen-, Trinker- und Rauschgiftszene, die jede Großstadt kennt, neben der Kriminalität, die eine Drehscheibe wie ein Bahnhof naturgemäß mit sich bringt, lassen Schilderungen von gewalttätigen Gruppen aufhorchen. Erst vergangenes Wochenende sollen 15 Personen, Augenzeugen sprechen von 30, aufeinander eingeprügelt haben. Aber welches sind die Gründe für diese Brutalität: Sind es ethnische, religiöse oder familiäre Motive? Hier ist dringend Aufklärung geboten. Denn zur gefühlten Qualität einer Stadt gehört neben Sicherheit und Sauberkeit auch Klarheit.

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