Ein nackter Mann mit langen Haaren, der auf der berühmten Großen Mauer herumklettert, bis ihm die Füße bluten. Die provokante Performance des Avantgarde-­Künstlers Ma Liuming, in einer Bilderserie festgehalten, irritiert den Betrachter: durch die Fragilität der androgynen Gestalt, durch das untypische In-Szene-­Setzen des ikonografischen Bauwerks. Die Fotos thematisieren Geschlecht und Identität, Raum und Körper, Rolle und Persönlichkeit, und sie waren in China zur Zeit ihrer Entstehung 1998 gerade durch die Nacktheit kühn.

In den 20 Jahren seitdem ist dort unfassbar viel geschehen. Wandel ist gar kein Ausdruck für das, was dem Land zwischen kommunistischer Regimepolitik und turbokapitalistischem Exzess widerfährt, mit seinen 1,4 Milliarden Menschen, 1,5 Millionen Millionären und 6,8 Prozent Wirtschaftswachstum.

Tradition und Moderne, Kollektiv und Individuum. Diese Spannungsfelder prägen China – und ebenso die Fotoarbeiten und Medienkunstwerke, die die Wal­ther Collection in Burlafingen jetzt ausstellt: „Life and Dreams“.

Seit Mitte der 90er Jahre reist Artur Walther in das Riesenland. Er hat genau zur rechten Zeit damit begonnen, um den dortigen Wandel und dessen künstlerische Reflexion zu begleiten, nicht zuletzt als Sammler. Auch wenn sein Interesse an afrikanischer Fotografie zuweilen im Vordergrund stand, so hat er doch China nie aus den Augen verloren.

Immer wieder war er, seit 2001 gemeinsam mit Christopher Phillips, der die Schau jetzt kuratiert hat, in Peking, Schanghai und anderen chinesischen Metropolen, hat dort Künstler getroffen und seine Sammlung erweitert. Ausgestellt werden Arbeiten von 44 international bekannten Künstlerinnen und Künstlern, dazu Werke einer jüngeren Generation.

In fünf Themengebiete ist die Schau gegliedert. „Der Körper als Sprache“ dokumentiert, wie Fotografen – ausgehend von der Künstlergemeinschaft des Beijing East Village in den frühen 90ern – nackte Haut radikal als Motiv einzusetzen begannen. Eindrucksvoll ist etwa Cang Xins „To Add One Meter to an Anonymous Mountain“, eine Pyramide aus bloßen (Künstler-)Leibern.

Geschichte in Scherben

„Klassiker neu interpretiert“ dreht sich um Werke, die historische Motive aufgreifen, umdeuten, in andere Kontexte setzen – Bezug nehmend auf die Kunsttradition Chinas, in der Individualität nicht erwünscht ist. Ein ironischer Kommentar ist etwa Wang Qingsongs „Night Revels of Lao Li“, die Nachstellung eines uralten Rollbilds mit einem in Ungnade gefallenen Kritiker und Mädchen in Billigklamotten.

Berühmt geworden ist Ai Weiweis Triptychon „Dropping a Han Dynasty Urn“, auf dem er eine wertvolle Vase erst in den Händen hält, dann fallen lässt, schließlich in den Scherben steht. Eine schockierende Arbeit, und der berühmte Künstler hat niemals erklärt, was er ausdrücken wollte. Er kenne 15 stichhaltige Interpretationen, erklärt Christopher Phillips. Ja, man könne darin einfach einen Bruch mit der Tradition sehen – oder auch eine Kritik daran, wie China selbst mit seiner Vergangenheit verfährt.

Wie extrem diese Modernisierung vonstatten geht, zeigt die Abteilung „Urbane Utopien und Dystopien“: in ewigem Grau verdichtete Stadtlandschaften; Trümmerfelder, aus denen anonyme Megasiedlungen erwachsen. Auf dem Großformat „Mirage“ schwebt eine Seilbahn über eine Großstadt, dabei begegnet sich der Künstler Miao Xiaochun selbst: In einer Gondel sitzt er als Mensch von heute, in einer anderen als Gelehrter von einst.

Erstmals zeigt Walther in breitem Rahmen Medienkunst: vielfältige Videoarbeiten und digitale Animationen, für Kurator Phillips derzeit in China „die spannendste Szene“. Man sollte sich Zeit nehmen, etwa für Cao Feis „Haze and Fog“: eine Studie über das anonyme, öde Leben in einem Hochhaus – bis Zombies ihre Aufwartung machen.

Verstörend ist Yang  Fudong sechsteilige Videoarbeit „East of Que Village“. Er dokumentiert die Lebenswirklichkeit armer Menschen in einem Brachland. Doch die Härte dieses Leben fängt er vor allem anhand streunender Hunde ein, geschmerz­te, hungernde, sterbende Kreaturen.

Völlig anders ist etwa die schrille Animation „Delusional Mandala“ Lu Yangs: eine assoziatives Bildgewitter, das Elemente aus Buddhismus, Medizin und Popkultur um einen Avatar der jungen Künstlerin herumwirbeln lässt. Zu sehen ist dies im grünen Haus, wo es um „Neue Identitäten“ geht. Im schwarzen Haus sind Werke zu „Die politische Vergangenheit und Gegenwart“ ausgestellt: Fotoserien, die etwa Bezug auf das Tian’anmen-­Massaker von 1989 nehmen oder die Erinnerung an Maos Kulturrevolution dekonstruieren.

Auch das ist eine Klammer dieser äußerst sehenswerten Schau: was die Geschichte mit dem Menschen macht – und der Mensch mit der Geschichte.

Eröffnung am Sonntag in Burlafingen


Ausstellung „Life and Dreams: Zeitgenössische chinesische Fotografie und Medienkunst“ wird morgen, Sonntag, in der Walther Collection eröffnet, dann ist von 11 bis 17 Uhr Tag der offenen Tür im Rahmen des Museumstags. Kurzführungen gibt’s um 12 und  15 Uhr im weißen Kubus, um 13.30 und  15.30 Uhr im schwarzen Haus sowie um 14 und 16 Uhr im grünen Haus. Die Ausstellung läuft bis 18. November, Do-So 14-17 Uhr. Öffentliche Führungen jeden Freitag um 17 Uhr und jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr. Kontakt: info@walthercollection.com oder 0731/1769143.

Katalog Im Steidl Verlag erscheint dazu ein Katalog, herausgegeben von Kurator Christopher Phillips und Wu Hung: 384 Seiten, 643 Abbildungen, 50 Euro.