Kultur Theaterei: Zum Start zwei Premieren

Herrlingen / Jürgen Kanold 05.02.2018
Edith Ehrhardt beginnt mit zwei starken Premieren die neue Zeit der Herrlinger Theaterei: „Altes Land“ und ein Loriot-Abend.

Mit einem auch die Landlust der Städter aufs Korn nehmenden Stück ist Edith Ehrhardt, die neue Direktorin der Theaterei,  erfolgreich gestartet.  Tatsächlich macht ihre Inszenierung Lust, aufs Land zu fahren, nach Herrlingen – aber nicht, um auf Öko umetikettierte Discounter-Marmelade im Hofladen teuer zu kaufen oder eine Apfelbaum-Patenschaft zu unterzeichnen, sondern um gutes, qualitätvolles Schauspiel zu sehen. Und das ist jetzt ernst gemeint.

Die erste Premiere also in der Nach-Schukraft-Ära: „Altes Land“ nach dem Bestseller von Dörte Hansen. Das Buch handelt von Flüchtlingsschicksalen und leidgeprüften wie unerbittlichen Frauen und den Vorurteilskriegen zwischen Einheimischen und Fremden: ein neuer deutscher Heimatroman aus dem Jahre 2015, ironiegeladen, hell und nie tümelnd. Die Geschichte spielt an der Elbe, bei den Obstbauern des Alten Landes, sie beginnt 1945 und springt in unsere Zeit.

Da ist die stolze ostpreußische Gräfin Hildegard von Kamcke, die mit ihrer Tochter Vera auf dem Hof der Witwe Ida Eckhoff strandet. Sie heiratet Karl, den aus dem Krieg heimgekehrten Erben, zieht aber bald weiter nach Hamburg, lässt Vera zurück, heiratet erneut und bekommt noch ein Kind, Marlene. Und deren Tochter Anne klopft mit ihrem kleinen Sohn Leon in unserer Gegenwart bei Vera an, die in einem sturmerprobten, knarzenden Reetdach-Haus ein eigenbrötlerisches Leben führt. Anne ist eine verkrachte Musikerin und wurde im feinen Hamburg-Ottensen vom Vater ihres Kindes betrogen; auch  ein Grund, aus der Stadt zu flüchten. Beide, Vera und Anne, kämpfen gegen ihre Vergangenheit. Dörte Hansen erzählt damit liebevoll eine Familienzusammenführung – auf 287 Seiten. Aber wie, um Himmels Willen, passt das auf die Bühne? Nun, Roman-Adaptionen sind unter Thea­termachern sehr in Mode, und es werden noch ganz andere Seitenumfänge komprimiert.

Edith Ehrhardt hat ihre Fassung des „Alten Landes“  – und damit war das eine regelrechte Uraufführung – sehr geschickt, sehr wirkungsvoll konzipiert. Die Regisseurin ist ganz nah am Buch geblieben, hat die Roman-Erzählung mit dem Original-Sprachwitz auf nur drei Darstellerinnen verteilt, also nicht den Stoff umgeschrieben mit Dialogen fürs Theater. Drei Frauen erzählen die Geschichte mit verteilten Rollen – sie erzählen spielend die Geschichten der Protagonisten, übernehmen aber alle Figuren, auch die männlichen, und zwar virtuos im Wechsel. So entstehen unzählige Szenen vor Barbara Fumians praktischem Bühnenbild, einer langgezogenen Garderobe mit den nötigen Kleidern für die ständigen Verwandlungen. Und nach zweidreiviertel Stunden (inklusive Pause) hat der Zuschauer komplett den Roman gelesen – nur dass er gespielt wurde.

Ehrhardts Fassung könnte auch als Skript für ein Hörspiel dienen. Aber es ist ein Schauspiel in der Herrlinger Theaterei, und zwar ein sehr gutes, weil die Regisseurin mit drei ausgezeichneten, charaktervollen Darstellerinnen gearbeitet hat. Ursula Berlinghof übernimmt mit Käthe-­Kollwitz-Gesicht vor allem die Alten, aber auch herrlich komisch die bruddelnden Bauern, Lisa Wildmann die stolzen Herben, Agnes Decker mit ihrem gewinnenden Lachen die sympathisch ihr Unglück reflektierende Anne. Großer, langer, verdienter Beifall.

Zweite Premiere in Herrlingen: Loriot für Liebhaber

Sketche Ob Erwin Lindemann, der im Lotto gewonnen hat, oder Frau Hoppenstedt, die drei Vertreter gleichzeitig in die Wohnung lässt. Oder Ehemann Hermann: „Ich möchte einfach nur hier sitzen“. Wer kennt sie nicht, die Figuren aus den beliebten Sketchen von Loriot alias Vicco von Bülow? Diese Sketche waren am Samstag unter dem Titel „Das Frühstücksei, Loriot für Liebhaber“ Edith Ehrhardts zweite Premiere in der Theaterei. Die Schauspieler Lothar Bobbe und Nadine Ehrenreich schlüpfen dabei immer wieder in die unterschiedlichsten Rollen und Kostüme und beweisen, dass Loriots Dialoge nichts von ihrer Kuriosität und Komik verloren haben. Sehr spritzig, amüsant und kurzweilig kommt das etwa eineinhalbstündige Stück daher – natürlich dürfen dabei die bizarre Liebeserklärung, bei der Lothar Bobbe statt einer Nudel ein Stück Serviette im Gesicht klebt, die skurrile Frühstücksszene, bei der der Ehemann ruft: „Berta, das Ei ist hart!“, und auch ein samtiges Loriot-­Sofa nicht fehlen. Köstlich ist etwa der Sketch „Der Vertreterbesuch“, in dem Lothar Bobbe seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt und alle drei Rollen der Handelsvertreter übernimmt, die mit Frau Hoppenstedt einen feucht-fröhlichen Nachmittag verbringen. Nadine Ehrenreich gibt mit ausgeprägter Mimik und Gestik in vielen Szenen eine perfekt naive Ehefrau ab, die sich etwa die Fingernägel lackiert, während ihr Mann Zeitung liest. Natürlich leben Loriots Sketche auch von etwas angestaubten Klischees. Das zeigen Zitate wie: „Gott, was sind Männer primitiv!“ oder „Frauen und Männer passen einfach nicht zusammen!“. Dennoch sind die Dialoge und Wortspielereien feinsinnig und lustig und sorgen in Herrlingen für einen heiteren Theaterabend.
Nina Albus

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