Ulm Zum Gedenken der NS-Opfer: Stolpersteine in Ulm verlegt

Ulm / RUDI KÜBLER 26.05.2016
24 Stolpersteine hat Gunter Demnig bereits in Ulm verlegt. Jetzt kamen 10 weitere hinzu – so für die Familie Ury, für Karl Rueff und Ernst Dauner.

Wie die Stolpersteine Menschen emotional bewegen, zeigte sich am Mittwoch wieder einmal. Gunter Demnig hatte gerade drei Steine für die Familie des Rabbiners Dr. Julius Cohn verlegt, Cohns Nachfolger Shneur Trebnik hatte das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum, gesprochen – als der Kölner Künstler förmlich überrumpelt wurde. Derart schnell hatte sich der heute 81-jährige Ernst-Otto Meth-Cohn, der in England lebende Adoptivsohn des Rabbiners Cohn, auf Demnig gestürzt, ihn umarmt und geherzt. „Das ist fantastisch“, bedankte er sich. Der Hintergrund: Ernst-Otto war im Juni 1939 mit einem Kindertransport nach Schottland gebracht worden, wo er in Waisenhäusern aufwuchs. Die Mutter wurde in Auschwitz ermordet, Dr. Cohn starb im März 1940 an den Folgen seiner Verletzungen, die er in der Pogromnacht 1938 auf dem Ulmer Weinhof erlitten hatte.

Wie schon bei den zwei Stolperstein-Aktionen zuvor nahmen bis zu 100 Bürger am kleinen Stadtmarathon teil, der zum Auftakt in die Säntisstraße 36 führte. Dort hatte das NSDAP-Mitglied Ernst Dauner gelebt, dessen Leben völlig „normal“ verlaufen war – bis zum Frühjahr 1943, als er sah und roch, was in Auschwitz passierte (siehe nebenstehenden Artikel). „Er war kein Widerständler, ihn hatte das menschliche Entsetzen gepackt“, sagte Dr. Silvester Lechner.

Zu den Biografien: Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Unter den Opfern des NS-Regimes waren psychisch Kranke wie Karl Rueff, dem ein Stolperstein vor dem ehemaligen elterlichen Haus in der Frauenstraße 28 gesetzt wurde, und Rosa Kaufmann, an die ein Stolperstein in der Keplerstraße 21 erinnert. Beide wurden in Grafeneck vergast, ihr Leben war laut NS-Jargon „lebensunwert“. Eine der Töchter Rosa Kaufmanns wurde ins Ghetto Izbica deportiert; wo sie ermordet wurde, ist unklar. Die andere emigrierte, sie starb 2014 in den USA. Beide, Gerdi und Selma, erhielten jeweils einen Stolperstein.

David Ury las aus einem Text seines Vaters Peter, der mit seinen Eltern in der Zinglerstraße 44 gelebt hatte. Dr. Sigmar Ury starb 1941, dem Mediziner war die Behandlung seiner Krebserkrankung verweigert worden, Hedwig Ury wurde in Auschwitz ermordet. Der Sohn überlebte als einziger, weil er hatte emigrieren können. Der Text beschreibt die Situation, als Peter Ury 1945 in der Uniform der US-Streitkräfte zurückkehrte und auf eine Frau im Haus Zinglerstraße 44 trifft, und endet mit den Worten: „Ich fragte, ob hier mal Dr. Ury gelebt hätte.“ Manchmal reicht ein Satz, um Grauen und Trauer auszudrücken.

Delia Meth-Cohn, die Enkelin des Rabbiners, sprach angesichts der Stolpersteine von „Versöhnung, Freude und Optimismus“.