Wenige Minuten vor 16 Uhr hebt Kia Sadeghi den Daumen. Die Lautsprecheranlage funktioniert, das Straßenfest zum Tag des Flüchtlings kann beginnen. „Wenn es etwas mit Elektrik zu tun gibt, hilft Kia“, sagt Lothar Klatt vom Flüchtlingsrat. Der 41-jähirge Sadeghi ist Elektroingenieur und hat bis zu seiner Flucht im Jahre 2016 am Bau der U-Bahn in Teheran mitgeholfen. Doch politisch wurde es gefährlich für ihn in der iranischen Hauptstadt, weshalb er sich mit seiner Frau dem großen Flüchtlingsstrom angeschlossen hat, der ihn nach Ulm brachte.

Mit ihm kamen auch Sulaiman, Mozhgan, Rodin und Zayda, Mohammad und Amer. Der hat sich für den Verein Menschlichkeit als zweitem Veranstalter der Vorbereitung des kulinarischen Angebots angenommen, das von Hummus über Falafel, kenianische Bohnensuppe, Puff Puff aus Kamerun, gefüllte Weinblätter, Börek, Kibbe (Bulgurklöße) oder das irakische Reisgericht Berjani reichte. „Das ist das Mindeste, was wir zurückgeben können“, sagt Amer Alabdallah, der aus Syrien kommt und jetzt an der Uni Ulm studiert.

Um diese Dankbarkeit geht es den Veranstaltern, die mit dem Straßenfest die Ulmer Bevölkerung bekochen und mit den Menschen ins Gespräch kommen wollen, wie Elena Flügel vom Verein Menschlichkeit sagt. Und die Ulmer taten ihnen den Gefallen. Bereits von Beginn an war der Hans-und-Sophie-Scholl-Platz vor dem Rathaus brechend voll.

Glücklich über viele Besucher

Hunderte Ulmer schlenderten an den Essensständen vorbei, probierten hier und da und setzten sich an die große Tafel, die mitten auf dem Platz aufgebaut war. So wie Ingrid und Anton Walter, die in der Menge standen und alles Mögliche probierten. „Super“, sagt Anton Walter, „da könnte ich jetzt einmal im Kreis herum essen.“ Große Freude herrschte auch am Stand der „syrischen Mädchen aus Böfingen“, wie sie sich selbst auf einem Schild nannten. Die 18-jährige Adiba Alghannan und ihre Cousinen und Freunde, die mit ihren Eltern Anfang 2017 nach Ulm gekommen waren, waren glücklich, so viele Besucher auf dem Platz bewirten zu können. Sie boten Falafel und mit Reis gefüllte Weinblätter, und fanden vor allem das internationale Flair inmitten der Neuen Mitte großartig.

Von Flüchtling zu Flüchtling

Eher zufällig kam Siegfried Brock vorbei. Auch er kam als Flüchtling nach Ulm. Das war 1949, als er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seine Heimat Danzig verlassen musste. Der 81-jährige hat keinerlei Berührungsängste. „Wenn man das Elend sieht auf der Welt, muss man doch helfen.“ Ganz bewusst in die Stadt gekommen ist hingegen Norbert Huber. Der 69-Jährige aus einer Holzstock-Gemeinde wollte sich vor Ort informieren und sich einen eigenen Eindruck verschaffen.

Im Grunde erfüllte er damit den Wunsch von Bürgermeister Martin Bendel, der in einem kurzen Grußwort dazu aufrief, „in unserem Nächsten zunächst einmal den Menschen zu sehen“. Er dankte allen Ehrenamtlichen und Helfern und vor allem den Geflüchteten selbst für ihren Aufwand, der „ein wichtiger Dienst an unserer Stadtgesellschaft“ sei. Bendel: „Alles Leben ist Begegnung.“

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Auf unterschiedlichen Wegen nach Ulm


Noori Sulaiman
(22 Jahre), ist seit 943 Tagen in Ulm. Er kommt aus Afghanistan und macht bei der Spedition Noerpel eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. In seiner Freizeit ringt er und betreibt Kampfsport.

Mozhgan (22 Jahre), ist seit 1063 Tagen in Ulm. Sie kommt aus dem Iran, spricht fast perfekt Deutsch und ist aufgrund einer Behinderung auf den Rollstuhl angewiesen. Sie ist derzeit auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Rodin und Zayda (beide 38 Jahre), sind ein kurdisches Paar aus Syrien. Er ist seit 1160 Tagen in Ulm, sie seit 465. Das Paar hat zwei Kinder. Beide sind derzeit in Deutschkursen. Rodin hat eine harte Fluchtgeschichte hinter sich.