Forschung Zu Geschichte geworden – zwei Doktoranden forschen über die HfG

Die Doktoranden Linus Rapp (links) und Christopher Haaf im Gespräch mit Volontärin Katharina Kurz vor den alten HfG-Ausstellungstafeln aus dem Jahr 1958.
Die Doktoranden Linus Rapp (links) und Christopher Haaf im Gespräch mit Volontärin Katharina Kurz vor den alten HfG-Ausstellungstafeln aus dem Jahr 1958. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Lena Grundhuber 02.09.2017

Ihren Weg haben sie sich anfangs hart erarbeitet: „Wir sind jeden Tag mit dem Fahrrad hochgefahren“, erzählt Christopher Haaf, „das haben die Studenten damals nicht gemacht.“ Dabei dürften die in der Regel nicht älter gewesen sein als Haaf und Linus Rapp. Beide sind 27 Jahre alt, beide sind seit ein paar Monaten Doktoranden im Archiv der ehemaligen Hochschule für Gestaltung auf dem Hochsträß. Aus der 1968 geschlossenen Institution ist ein Objekt historischer Forschung geworden.

Die jungen Männer, die zusammen mit Volontärin Katharina Kurz, ebenfalls 27, zum Gespräch in einem einstigen Seminarraum sitzen, schreiben ihre Dissertationen zu einem jener mit wissenschaftlicher Akribie ausformulierten Themen: „Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm. Von Ulm nach Montréal 1953 bis 1968“. Damit sind sie die ersten Doktoranden für HfG-Archiv­leiter Martin Mäntele, und er hat sie sich sozusagen selbst ins Haus hinein beantragt. Das Geld für die drei jungen Leute, kommt von der Volkswagenstiftung, „aber wir haben nichts mit dem Diesel-Skandal zu tun“, wie Linus Rapp lachend klarstellt. Im Frühjahr haben die Historiker die Arbeit in Ulm aufgenommen; sie werden die nächsten drei Jahre immer wieder aus München nach Ulm pendeln: Drei Jahre läuft der Vertrag, das sind ziemlich luxuriöse Bedingungen.

„Design-Geschichte ist ein Feld, das relativ wenig bearbeitet wird“, sagt Christopher Haaf. Und so sei auch ihr  Gegenstand nie beleuchtet worden: In den Doktorarbeiten wird es um die Ausstellungen gehen, die die HfG über sich selbst machte und mit denen sie an die Öffentlichkeit trat – zu didaktischen, aber auch zu Repräsentationszwecken.

Internationale Ausstrahlung

Rapp und Haaf kennen sich aus dem Geschichte- und Kunstgeschichte-Studium in München, in ihren Forschungsarbeiten verfolgen sie aber natürlich unterschiedliche Fragestellungen. Rapp betrachtet die Ausstellungen mit ihren Tafeln als kunsthistorisches Objekt, ihm geht es vornehmlich um die Visualität der 50er und 60er Jahre. Haaf untersucht sie als kommunikatives Ereignis, beleuchtet die HfG in ihren Beziehungen zu Politik und Wirtschaft, „als Institution, die in die internationale Design-Landschaft eingebunden war“.

1955 und 1958 gab es zunächst Ausstellungen im Hochschulgebäude auf dem Oberen Kuhberg, in den 60ern tourte dann eine Wanderausstellung bis nach Amsterdam. Die zwei Ausstellungen 1960 und 1967 auf der Triennale in Mailand und auf der Welt­ausstellung in Mont­réal zielten auf ein weltweites Publikum. Wie paradox: Kurz bevor die Schule 1968 schließen musste, bekam sie noch einmal ein Maximum an globaler Aufmerksamkeit. „In den letzten Jahren vor der Schließung ist die internationale Ausstrahlung wahrscheinlich die größte“, meint Rapp.

Wie also stellte sich die HfG dar? „Mein Eindruck ist, dass sich da eine selbstbewusste Elite präsentiert, die sich über ein modernes Gesellschaftsbild definiert“, sagt Rapp.  Trotzdem – oder gerade deshalb? – musste sie sich immer wieder verteidigen. Was den beiden Doktoranden bereits jetzt aufgefallen ist: Die Ausstellungen wurden zu jeweils kritischen Zeitpunkten entwickelt, eine auffallende Parallele zum großen Vorläufer der Ulmer Schule, „auch das Bauhaus hat eine permanente Krisen-PR betrieben“, sagt Haaf.

Mitte der 50er geht es um die Finanzierung, die nach der ersten Schau verlängert wird, nach dem Abgang Max Bills als Rektor konzipiert man 1958 eine Ausstellung, die die Neuausrichtung der Schule demonstriert – jetzt etwa wird das erste Mal der Begriff „visuelle Kommunikation“ ausgeführt. Auf den „PR-mäßigen Tiefpunkt der HfG“ nach einem kritischen „Spiegel“-Artikel 1963 reagiert man mit der Wanderausstellung, mit der man auch die Wirtschaft als Auftraggeber auf sich aufmerksam machen wollte. „Unsere These ist, dass es für die ersten drei Ausstellungen einen Zusammenhang zwischen Krise und Außendarstellung gibt“, sagt Christopher Haaf.

Gestaltung der „Ehrlichkeit“

Das mit der Außendarstellung in der eigenen Stadt ist ja bis heute so eine Sache. Noch immer, bemerken die zwei Münchner, verspüre man auf dem Hochsträß ein Gefühl der Abgeschiedenheit: „Es war ja schon immer vom ,Kloster’ die Rede.“ Und doch wirke die HfG im kleinen und im großen Umkreis stärker nach, als man es vielleicht auf den ersten Blick wahrnimmt. So werde in Ulm häufig Otl Aichers Rotis-Schrift verwendet, hat Linus Rapp gefunden. Und Christopher Haaf führt gerne vor, wie die alte Formensprache der HfG im Design der Apple-Produkte nachhallt.

„Ehrlichkeit“ ist ein Begriff, den Linus Rapp gebraucht, wenn man ihn fragt, was ihm die HfG noch bedeutet. Für eine Generation, der ein US-Präsident gerade systematisch die Realität kaputtlügt, könnte das eine ganz neue Bedeutung annehmen.

Bücher, Tagung und Ausstellung

Forschungsprojekt 440.000 Euro an Drittmitteln hat HfG-Archiv­leiter Martin Mäntele mit seinen Projektpartnern, Thomas Hensel von der Hochschule Pforzheim und Steffen Siegel, Fotografie-Historiker von der Folkwang Universität in Essen, für das Forschungsvorhaben im Rahmen der Initiative „Forschung in Museen“ der Volkswagenstiftung eingeworben. Am Ende sollen neben den zwei Doktorarbeiten eine internationale Tagung zur „Öffentlichkeit der Gestaltung“ (im Herbst 2018) und ein Buch zur Tagung entstehen sowie eine Ausstellung. Das Museum Ulm ist damit eines von neun Museen, die gefördert werden.

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