Technologie ZSW-Chef Tillmetz: „Ulm ist in der E-Mobilitätsforschung top“

Prof. Werner Tillmetz vor der Wasserstoff-Tankstelle für Brennstoffzellenautos in der Helmholtz-Straße am Oberen Eselsberg. Sie ist eine von bundesweit erst 50 Standorten. 
Prof. Werner Tillmetz vor der Wasserstoff-Tankstelle für Brennstoffzellenautos in der Helmholtz-Straße am Oberen Eselsberg. Sie ist eine von bundesweit erst 50 Standorten.  © Foto: Solar Consulting
Ulm / Christoph Mayer 25.09.2018

Die Frage nach der Anwendung hat mich immer mehr getrieben als die rein wissenschaftliche Erkenntnis“, sagt Prof. Werner Tillmetz. Mit der Mobilität von morgen – speziell mit Batterien und Brennstoffzellen – hat sich der Chemiker in seinem gesamten beruflichen Leben beschäftigt. Nach 14 Jahren als Leiter des Ulmer Zweigs des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) geht der 63-Jährige Ende September in den Ruhestand, um sich fortan den schönen Dingen des Lebens zu widmen, wie er sagt.

Batterie oder Brennstoffzelle: Welcher Antriebstechnologie gehört in der Elektromobilität die Zukunft?

Prof. Werner Tillmetz: Beiden. Es sind zwar die Batterien, die zurzeit einen atemberaubenden Aufschwung erleben. Aber man muss wissen: Die Anzahl der Anwendungen, die man mit der Brennstoffzelle sinnvoller erledigen kann, ist deutlich größer. Denken wir etwa an Stadtbusse, an Reiselimousinen für längere Distanzen oder ganz aktuell an Eisenbahnen auf nicht elektrifizierten Strecken: Dort sind mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen-Antriebe geeigneter.

Warum?

Für große Fahrzeuge und große Reichweiten werden große Energiemengen benötigt. Geeignete Batterien werden da sehr groß, schwer und letztlich auch zu teuer. Mit Brennstoffzellen und der Energiespeicherung im Wasserstoff kann man das kompakter und billiger realisieren. Batterieantrieb ist prädestiniert für den Stadtverkehr und für kleinere Fahrzeuge.

Für welche Technologie schlägt Ihr Herz mehr?

Ich habe keine Vorlieben. Beidem gehört die Zukunft. Wir hatten mehr als 100 Jahre Verbrennungsmotoren. Jetzt kommt eine neue Zeit. Wir haben das in Deutschland vielleicht noch gar nicht so begriffen. Aber der Wandel kommt, und er kommt schnell.

Stehen Batterie und Brennstoffzelle in Konkurrenz um Fördermittel?

Damit haben wir in Deutschland bisher kein Problem. Noch stecken Bund und Länder in beide Forschungsbereiche viel Geld.

Gerade mal 0,1 Prozent der in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge sind reine Elektroautos. Im internationalen Vergleich hinken wir hinter China, den USA, Norwegen und Holland hinterher. Haben wir den Anschluss verpasst?

Ja, da gibt es nichts zu deuteln.

Ist der Rückstand aufzuholen?

Wenn wir weiter eine florierende Industrienation bleiben wollen, müssen wir da mit voller Kraft reingehen. In Sachen Batterietechnologien hecheln wir hinterher, die asiatischen Länder sind uns weit voraus. Zumindest bei den Brennstoffzellen haben wir aber noch eine große Chance, international führend zu werden. Mit dem, was wir an Forschungskompetenzen zu beiden Themen haben, gerade auch in Ulm, sind wir gut aufgestellt. Da müssen wir nichts befürchten. Das Problem ist eher das der Industrialisierung.

Sie meinen, dass die Herstellung von Batterien und Brennstoffzellen größtenteils im  Ausland stattfindet.

Genau. Es gibt zwar große Bemühungen seitens der Politik, die Produktion auch nach Deutschland zu holen. Aber der Industrie fehlt bisher der Wille.

Als Sie 2004 nach Ulm kamen, war Elektromobilität ein Nischenthema.

Ende der 90er Jahre war die Brennstoffzelle stark auf dem Vormarsch. Dann kamen der 11. September 2001 und zwei Jahre später die Wirtschaftskrise. Da war die Luft erst mal raus, Elektromobilität kein Thema mehr.

Mit welcher Motivation sind Sie 2004 an die Uni Ulm und ans ZSW gekommen?

Ich bin jemand, der gerne Neues ausprobiert. Zuvor war ich 20 Jahre in der Industrie unterwegs. Dann kam das Angebot aus Ulm. Mein Vorgänger hat mich auch ein Stück weit überreden müssen. Aber ich habe die Entscheidung nie bereut.

Wie hat sich das ZSW in den vergangenen 14 Jahren entwickelt?

Einfach ausgedrückt um den Faktor drei. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich auf 140 verdreifacht, das Budget  ebenso und auch unsere Flächen und Gebäude auf dem Oberen Eselsberg sind ums Dreifache gewachsen.

Und inhaltlich?

2008 ging es richtig los mit der Elektromobilität. Das wurde plötzlich zum Riesenthema. Alle  sind auf den Zug aufgesprungen, auch die ganz großen Wettbewerber wie Fraunhofer oder Helmholtz. Wir als kleine Einrichtung haben uns damals natürlich gefragt, ob wir mithalten können.  Wir haben das erfolgreich hinbekommen und konnten uns an der Spitze etablieren.

Seit 2011 gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft das Helmholtz-Institut für Batterieforschung (HIU), an deren Gründung die Uni und auch Sie persönlich maßgeblichen Anteil hatten. Wie stehen die drei Einrichtungen – ZSW, HIU und Uni – zueinander?

Das ZSW arbeitet anwendungsnah. Wir verdienen unser Geld mit Aufträgen aus der Industrie und beschäftigen uns vor allem mit kurzfristigen Themen, also mit dem, was in den nächsten fünf Jahren auf den Markt kommt.

Zum Beispiel?

Ein großes Thema sind Sicherheitstests für Batterien, ein anderes ist die Pilotfertigung, die wir aufgebaut haben: Wir können bereits im industriellen Maßstab Batteriezellen produzieren. Bei den Brennstoffzellen werden wir in ein paar Jahren so weit sein.

Zurück zu Ihren Nachbarn . . .

Das Helmholtz-Institut  beschäftigt sich mit Themen, die in 10 bis 20 Jahren anstehen, etwa mit der Verwendung von Natrium statt Lithium als Material für Batterien. An der Uni geht es vor allem um Grundlagenforschung. Alle drei Einrichtungen ergänzen sich in schöner Weise. Auch den Antrag zur Exzellenzstrategie haben wir gemeinsam gestellt.

Die Entscheidung darüber fällt die Deutsche Forschungsgemeinschaft am Donnerstag. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Eines ist mir wichtig. Egal, wie es ausgeht: Ulm ist mittlerweile ein weltweit führendes Forschungszentrum für Elektromobilität geworden. Das ist meines Erachtens noch gar nicht so richtig in der Stadt angekommen.

Sie gehen Ende September mit 63 Jahren in den Ruhestand. Warum schon jetzt?

Ich habe das 14 Jahre lang gemacht. Jetzt muss wieder etwas Neues kommen.

Was haben Sie sich vorgenommen?

Die schönen Dinge ein bisschen in den Mittelpunkt zu rücken. In die Berge gehen, einfach das Leben genießen. Aber vielleicht auch die ein ein oder andere Organisation zu beraten, sofern es bei kleineren Engagements bleibt.

Wer wird Ihr Nachfolger?

Der Ruf ist raus. In den nächsten Tagen sollte eine Entscheidung fallen.

Sie leben in Lindau und sind all die Jahre nach Ulm gependelt. Mit was für einem Fahrzeug?

Zuerst hatte ich einen modernen Diesel. Aber immer, wenn ich Vorträge gehalten habe, wurde ich nach meinem Auto gefragt und irgendwann wurde mir das ein bisschen unangenehm. Vor zwei Jahren habe ich mir ein Hybridfahrzeug gekauft. In der Stadt fahre ich jetzt rein elektrisch.

Ihr Fazit nach 14 Jahren Ulm?

Es waren sehr spannende und sehr erfolgreiche Jahre. Und wenn alles super läuft, ist das doch eigentlich ein prima Zeitpunkt,  um aufzuhören.

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Zur Person und zum Institut

Karriere Werner Tillmetz, 1955 im oberbayerischen Brannenburg geboren, studierte Chemie an der TU München, wo er 1984 auch promovierte. Von 1991 bis 1997 war er bei der Daimler-Benz-Forschung Projektleiter für die Entwicklung der Brennstoffzelle. Als Geschäftsführer von Ballard Power Systems war er 1997 maßgeblich an der Entwicklung der ersten Kleinserie eines Brennstoffzellenautos beteiligt. 2004 erhielt Tillmetz den Ruf auf den Lehrstuhl Elektrochemische Energiespeicher der Uni Ulm. Gleichzeitig übernahm er als Vorstandsmitglied am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) die Verantwortung für die elektrochemischen Energietechnologien am Standort Ulm.

Forschung Das ZSW gehört zu den führenden Instituten für angewandte Forschung auf den Gebieten Photovoltaik, regenerative Kraftstoffe, Batterietechnik und Brennstoffzellen. An den drei ZSW-Standorten Stuttgart, Ulm und Widderstall sind rund 250 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker beschäftigt. Hinzu kommen 90 wissenschaftliche und studentische Hilfskräfte. Das ZSW ist Mitglied der Innovationsallianz Baden-Württemberg, einem Zusammenschluss von 13 außeruniversitären Forschungsinstituten.

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