Ulm Medienkompetenz: Zocken in der Bibliothek

Ulm / Niko Dirner 11.12.2018
Ein junges Team in der Ulmer Bibliothek hat massiv investiert und lädt Kinder sowie Eltern zum Computerspielen ein.

Natalia Pachon steht im Veranstaltungsraum der Ulmer Stadtbücherei und boxt ins Leere. Immer wieder lässt sie ihre Rechte und ihre Linke vorschnellen, vor und zurück bewegt sich die Faust ins Nichts. So jedenfalls sieht es von der Seite her aus, wenn man die 33-Jährige beim Betreten des Saales beobachtet. Erst auf den zweiten Blick sieht man das Gerät in ihrer Hand, folgt ihrem Blick auf die Leinwand an der Stirnseite des Raumes und kapiert: Die Frau kämpft tatsächlich, und zwar gegen einen computeranimierten Kontrahenten mit ausfahrbaren Waffenarmen. Das in ihrer Hand, das ist ihr Controller.

Stadtbücherei lädt zum Eltern-Gaming

So sieht es also aus, wenn die Stadtbücherei Ulm zum Eltern-Gaming lädt, der  laut Veranstaltungskalender ausdrücklich „Nur für Eltern!“ ist. Die Idee des jungen Arbeitskreises Games lautet: Mütter und Väter sollen ausprobieren, was auf Playstation und Nintendo Switch so alles möglich und für den Nachwuchs empfehlenswert ist, ehe sie vielleicht eine Konsole oder Spiele unter den Christbaum legen.

Die Idee leuchtet soweit ein. Aber der Ort verwundert doch: Ausgerechnet eine Stadtbücherei, eine Insel der Bücher und Buchstaben inmitten der sich zunehmend digitalisierenden Welt, gibt Daddel-Tipps? Lädt zum angeleiteten Zocken? Rät vielleicht sogar zum Kauf oder eben nicht?

„Natürlich“, sagt Melanie Keil. Die Leiterin der Kinderbibliothek, studierte Bibliothekarin und angehende Medienpädagogin, scheint sogar etwas perplex ob der Frage. „Eine Bücherei ist doch nicht nur zum Lesen da! Es geht um Medienbildung. Und wir wollen alle Medien anbieten, da gehören Computerspiele dazu.“

Neue Spiele zum Ausleihen

Im Februar ist das Trio, dem noch Jana Dietrich und Krishan Cosmici angehören, durchgestartet. Erster Schritt: Alle Computerspiele rauswerfen, die es bis dato im Bestand gab. Das seien Spiele für die Konsole Wii gewesen, die scheint’s aus der Mode gekommen ist: „Wir hatten sechs Ausleihen in einem ganzen Jahr.“

Jetzt gibt es: 220 Spiele für Playstation 4 und Switch, und zwar alle, die man sich so vorstellen oder wünschen kann. Und zudem jeden Monat mindestens einen Termin, zu welchem Kinder ab acht Jahren über Aushänge etwa in den Jugendhäusern zum Spielen eingeladen werden. Diesen „geschützten“ Rahmen im Untergeschoss der Bücherei betrachtet das Team als Gegenstück zu Konsolen-Test-Ecken in Kaufhäusern oder Elektrogroßmärkten. Dafür fällt sogar das eigentlich strikte Trink- und Essverbot in der Bücherei. „Und: Wir lassen die Kinder nicht allein mit den Spielen“, betont Cosmici. Vielmehr sind die Erwachsenen dabei, erklären, geben Tipps und können so Alternativen zu den eher rabiaten Games – die auch im Regal stehen – anbieten und ausprobieren lassen.

Das Angebot habe drittens auch eine soziale Komponente: kostenloses Spielen und Spiele-Ausleihen als „Teilhabe“, erklärt Keil. „Die Spiele sind sehr teuer, viele können sie sich nicht leisten.” Doch die Kinder wollen mitreden können, und dafür sei Zocken mit Anleitung hilfreich.

Außerdem, und hier schließt sich der Kreis zur klassischen Welt einer Stadtbücherei: Es geht ja nicht nur ums Zocken. Neben den Spielen steht Literatur im Regal. Zum Strategiespiel Minecraft etwa oder auch zum umstritten Online-Spiel Fortnite (siehe Info-Kasten). In diesen Büchern werden Spielzüge erklärt, Strategien, Entwicklungsmöglichkeiten. Eigene Welten können gebaut werden. Sogar Programmierkenntnisse werden vermittelt.

Wartezeit mit Lesen überbrückt

Manchmal gehe Zocken und Lesen sogar direkt miteinander einher, erzählt Keil. Im Oktober beim „FIFA 19 Turnier“ habe sich Erfreuliches zugetragen. Weil ja immer nur zwei Mannschaften gegeneinander antreten können, also nur zwei Kinder gleichzeitig spielen können, hätten sich die anderen Turnier-Teilnehmer die Wartezeit mit dem Lesen von Comics überbrückt. „Das sind Kinder, zumal vor allem Jungs, die sonst nicht ins Haus gekommen wären”, sagt Keil. „So erreichen wir eine ganz andere Zielgruppe. Das ist spannend.“

Natalia hatte zwischenzeitlich beim Fußballspiel „Rocket League“ auf der Switch gegen ihren Freund German Urrego, 32, richtig alt ausgesehen. Jetzt hat sie wieder einen Playstation-Controller in der Hand und vermöbelt in „Injustice 2“ als „Joker“ seine Superman-Figur. „Du bist tot!“, stellt Natalia schließlich trocken fest. Ihr Freund ist dennoch begeistert von der Veranstaltung. „Ich liebe Computerspiele.“ Ein halbes Dutzend hat er nach zwei Stunden getestet, die Kaufentscheidung soll zu Hause fallen.

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220 gefragte Games stehen in den Regalen

Definition „Spielen“, so steht es in einer Broschüre der Stadtbücherei, „bedeutet für das Gehirn nichts anderes, als sich kontinuierlich und multioptional weiterzuentwickeln“. Die Nutzer beschäftigten sich mit „komplexen Systemen” und kämen zu Lösungen

Bestand 220 Spiele für Playstation 4 und Nintendo Switch verleiht die Stadtbücherei Ulm. All die Klassiker um die Figur Super Mario, das Fußballspiel FIFA, Minecraft. Aber auch Spiele mit Gewalt, wie die Assassin‘s-Creed-Reihe, obwohl das nah an den problematischen Ego-Shootern ist. Die Kaufentscheidung war im Team umstritten. Aber: Erstens werde darin bei aller Brutalität historisches Wissen vermittelt. Zweitens sei das Spiel ab 16 Jahren freigegeben. Spiele ab 18 Jahren habe man nicht. Auch Gaming-Literatur gibt’s.

Fortnite Auch „Fortnite Battle Royale“, der derzeit bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebte „Survival-Shooter“ sollte beim Eltern-Gaming gezeigt und besprochen werden. Das klappte nicht, weil der Internet-Anschluss der Bücherei  nicht ausreicht.

Infos Wer sich über Computerspiele informieren will, findet im Netz viele gut gemachte Seiten, beispielsweise spieleratgeber-nrw.de oder spielbar.de. Gute Tipps zum Internet gibt es auf klicksafe.de.

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