Geschichte Zeugnisse aus einer anderen Zeit

Den Kofferraum voller Reservistenbilder: Lokalhistoriker Ulrich Seitz bei der Übergabe seiner Sammlung an das Stadtarchiv Ulm.
Den Kofferraum voller Reservistenbilder: Lokalhistoriker Ulrich Seitz bei der Übergabe seiner Sammlung an das Stadtarchiv Ulm. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Rudi Kübler 08.01.2019

Was willst du denn mit den dreckigen alten Dingern? Die kommen auf die Schutte! Als Ulrich Seitz vor zig Jahren die Bühne der Großeltern zu räumen half, stieß er auf zwei historische Reservistenbilder. Die einen Verwandten sahen das „alte Zeug“ schon im Müllcontainer, die anderen taxierten noch die Holzrahmen: wegen des Heizwerts. Seitz, ein Jäger und Sammler vor dem Herrn, freilich wusste: Die Bilder mussten unbedingt aufbewahrt werden, weil sie Zeugnisse einer zeitgeschichtlichen Epoche sind. Und damit Zeugnisse einer Gesinnung, die uns heute vollkommen fremd ist, damals aber weitverbreitet war. Denn: Reservisten waren stolz darauf, für Kaiser und Vaterland gedient zu haben. „Die Fotos ließen sie als Erinnerung an ihre Dienstzeit anfertigen. Dann wurden die Bilder, versehen mit einem Prachtrahmen, in der guten Stube aufgehängt.“ 25 solcher Exemplare, die einen eher kleinformatig, die anderen riesengroß, hat Seitz jüngst dem Stadtarchiv Ulm vermacht.

Je nun, die alten Dinger, die den Großvater von Seitz’ Frau zeigen, bildeten den Grundstock seiner Sammlung. Der heute 65-Jährige klapperte Flohmärkte ab, sprach Bekannte an – die Sammlung wuchs über die Jahre an. Langsam nur, weil sich der Lokal-Historiker, der Vorsitzender des Historischen Vereins Neu-Ulm ist, natürlich auf Reservistenbilder aus den beiden Städten spezialisiert hat, auf Regimenter, die in der Reichsfestung stationiert waren – wie das Königlich bayerische 12. Infanterie Regiment „Prinz Arnulf von Bayern“, das Ulanen-Regiment „König Karl“ oder das Württembergische Pionier-Bataillon Nr. 13.

Seitz hat das Stadtarchiv Ulm beschenkt, weil er weiß, dass hier seine Schätze in guten Händen sind, sie gepflegt werden und stets präsent sind – zum Beispiel für Forschungszwecke. Das heißt: „In den Bildern steckt viel Information.“ Ein Einschätzung, die Stadtarchivleiter Prof. Michael Wettengel teilt und weiter ausführt. „Die Reservisten waren oft Handwerksburschen oder Bauernsöhne“, sagt Wettengel. Einfache Leute aus unterbürgerlichen Schichten, die am Existenzminimum lebten, über ihre zweijährige Dienstzeit aber an Bedeutung gewannen. Sie ließen sich in Uniform ablichten, schlossen sich in Veteranenvereinen zusammen und verschafften sich dadurch Ansehen und Respektabilität. „Aber die Vereine bildeten auch den Nährboden für den Nationalismus“, sagt Wettengel und bezeichnet die Reservistenbilder als „ein Phänomen des Kaiserreichs“. Nach 1918 landeten die Bilder im Keller oder auf der Bühne. Viele der Männer waren im Feld geblieben, kriegsversehrt oder frustriert. „Das Phänomen hatte sich schlagartig überlebt.“

25

Reservistenbilder hat Ulrich Seitz dem Stadtarchiv Um vermacht. Dessen Leiter Michael Wettengel freut sich über 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel