Wiblingen Zeitlos schlicht und modern: 50 Jahre Versöhnungskirche

Wiblingen / ELVIRA LAUSCHER 10.07.2013
Olaf Andreas Gulbransson hat die Fertigstellung der Wiblinger Versöhnungskirche 1963 nicht mehr erlebt: Noch vor Baubeginn verunglückte der Architekt. Zum Jubiläum wurde sein Wirken jetzt gewürdigt.

Wenn man die evangelische Versöhnungskirche betritt, ist man von der zeitlosen Schlichtheit beeindruckt, der Weite des Raums, umspannt von den drei hohen Giebeln des Holzdachs, die alles wie ein Zeltdach überwölben. Dies sei ein typisches Stilmittel von Olaf Andreas Gulbransson, sagte Kirchenrat Reinhard Lambert Auer aus Stuttgart. Er würdigte in einem Vortrag das Werk des Münchner Architekten mit den norwegischen Vorfahren (1916 bis 1962).

Schon in Gulbranssons ersten Kirche, der 1954 erbauten Christuskirche in Schliersee, zeigen sich viele Elemente, die sich in zahlreichen weiteren seiner Kirchen wiederfinden. Auch die Christuskirche war ein Vieleck – er ging weg von einem längs gerichteten Raum. Für Wiblingen wählte er drei Bankblöcke, die auf einen runden Altarbereich verweisen. Wie in Schliersee, verfügt auch die Versöhnungskirche über Gruppenfenster, die das Licht gezielt in den Raum lenken.

Die Wiblinger Fenster an der östlichen Giebelwand sind kreuzförmig angeordnetet und vom Münchner Kunstmaler Hubert Distler mit orangenen und lila Elementen ausgestattet. „Das durch die Fenster geworfene orange Licht wandert bei Sonneneinfall während dem morgendlichen Gottesdienst und zieht eine Bahn von der Mitte des Altars über den Raum. Nichts ist zufällig“, fügte Burkhard Siemoneit, der Vorsitzende des Kirchengemeinderats der Wiblinger Gemeinde, während des Vortrags am Dienstag an.

Für Gulbransson kam es gerade wegen der Schlichtheit und Weite des Raums auf jedes Detail an. Die Frage, wie man eine liturgische Ordnung schaffen könne, um die Gemeinde teilhaben zu lassen, wäre ihm immer wichtig gewesen, so Auer weiter. Der Kirchenarchitekt, der 1962 mit dem Auto tödlich verunglückte, vertrat die Ansicht, dass eine architektonisch gute oder schlechte Kirche auf Dauer eine Gemeinde beeinflussen könne.

Die Anordnung des Altars, des Taufsteins und der steinernen Kanzel waren für Gulbransson ebenso entscheidend wie die Außengestaltung. So schlug er in Wiblingen ein dreiteiliges Ensemble vor: bestehend aus der Häuserzeile mit Pfarrwohnung und Kindergarten, der Kirche und dem Glockenturm, die zusammen einen einladenden Kirchplatz schaffen. Da Gulbransson häufig Elemente aus der Umgebung in die Architektur aufnahm, spricht vieles dafür, den freistehenden Glockenturm mit der hohen und für den Architekten ungewohnten Spitze als eine Anspielung an das Ulmer Münster aufzufassen, berichtete Auer. Die Versöhnungskirche ist eine von 19 Kirchen, die posthum fertiggestellt wurden und die einzige Gulbransson-Kirche in Baden-Württemberg.

Dass es überhaupt zu dem Bau an der Kapellenstraße kam, ist der Hartnäckigkeit des damaligen Pfarrers Eduard Seng zu verdanken. „Nachdem er verschiedene Kirchenbaubücher angeschaut hatte, wollte er unbedingt Gulbransson als Architekt“, erzählte der ehemalige Pfarrer Hermann Rieck. Seng sei selbst nach München gefahren und mit den Worten „Ich bleibe so lange da, bis ich angehört werde“ in Gulbranssons Büro gesessen, um den vielbeschäftigten Architekten für den Auftrag in Ulm zu gewinnen. Seine Hartnäckigkeit gab ihm recht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die evangelische Gemeinde in Wiblingen rasant gewachsen, und die frühere Kirche, die 1933 eingweiht wurde und heute Gemeindehaus ist, war zu klein geworden.

Am 14. Juli 2013 wird das Kirchenjubiläum gefeiert  – vier Tage später ist der 52. Todestag von Olaf Andreas Gulbransson. Seine Kirchen leben weiter.

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