Einen ersten Eindruck von der neuen Compagnie am Theater Ulm hat sich das Publikum schon verschaffen können: In „Gesichter der Großstadt“, dem ersten Tanzabend von Tanztheaterchef Reiner Feistel im Großen Haus, traten die zehn Tänzerinnen und Tänzer aus neun Nationen in Bildern des Malers Edward Hopper und in Ulmer Stadtszenen auf. Die sanfte Koreanerin Seungah Park gab da solo und mit dem Brasilianer Gabriel Mathéo Bellucci sinnlich stark die „Morning Sun“. Die temperamentvolle, schöne Spanierin Alba Pérez González tanzte mit dem Italiener Luca Scaduto ein Paar in der Krise. Die geheimnisvolle Französin Raphaëlle Polidor und der Schweizer Lucien Zumofen begeisterten mit jugendlichem Elan in „Summer Evening“.

Der zurückhaltende, im Gespräch jedes Wort sorgfältig abwägende Japaner Yoh Ebihara stellte wie auch der selbstbewusste italienische New-York-Fan Edoardo Neviani schon im Herbst begeisternde Eleganz, Präzision und Sprungkraft unter Beweis.

Vertiefen ließen sich diese Eindrücke zuletzt beim Choreografen-Abend „Company in Motion“ im Oberen Foyer des Theaters, für das fünf der zehn jungen Tänzer ihren Ensemble-Kollegen eigene, vielfältige Stücke auf den Leib geschrieben haben. In Nora Panevas Märchenpersiflage „Es war einmal“ und Raphaëlle Polidors „Possibilités“ durfte dabei die wie Polidor hervorragend deutsch sprechende Moskauerin Maya Mayzel ihre breite Palette an Fähigkeiten unter Beweis stellen: zwischen HipHop und Spitzentanz, auf den der Compagnieleiter Feistel in seinen Produktionen, wie er bereits zu seinem Einstand angekündigt hatte, keinen gesteigerten Wert legt.

Maya  Mayzel hat zu Beginn der Spielzeit die Modern-Dance-Klassen der Theater-Ballettschule von der nach Augsburg wechselnden Ceren Yavan Wagner übernommen und spielt im neuen Podiums-Stück „Der kleine Prinz“, mit dem die Compagnie nun weitere Facetten auslotet, eine wichtige Rolle: den Fuchs. Als solcher flüstert sie der von Lucien Zumofen verkörperten Hauptfigur den berühmtesten Satz der weltbekannten Erzählung ins Ohr: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Zumofen ist im Übrigen nicht nur Tänzer, sondern hat wie Antoine de Saint-Exupéry, der französische Pilot und Schöpfer der Erzählung „Der kleine-Prinz“, in Fribourg studiert – französische Literaturwissenschaft und Geschichte.

Gaëtan Chailly (50), als Tanzpädagoge am Haus ansonsten unabhängig von der Compagnie tätig, hat als Hase schon in „Das schlaue Füchslein“ mitgewirkt, schuf und schafft Choreografien fürs „Füchslein“, „Cinderellas Schuhe“, „My fair Lady“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Der Vetter aus Dingsda“, „Soul Kitchen“ und im Sommer für „Evita“ auf der Wilhelmsburg. In Feistels „Der kleine Prinz“ tanzt er als Gast den König.

Workshops und Tanzcafé für alle

Dazu bietet der in seiner Heimat Frankreich an der Pariser Oper und am Centre de Danse International Rosella Hightower ausgebildete Tänzer, dessen vorherige Engagements von  Nizza über Den Haag bis Buenos Aires reichen, vor den Wochenendvorstellungen des „Kleinen Prinzen“ Tanzworkshops an. „Die sind in Verbindung mit dem Kauf einer Eintrittskarte für alle, die Lust haben, sich zu bewegen und ein bisschen von der originalen Choreographie zu lernen“, erklärt er – Vorkenntnisse nicht erforderlich. Kommenden Sonntag, 17 Uhr, lädt er zudem mit Schauspielerin Marie Luisa Kerkhoff ins Theater-Foyer zum „Tanzcafé“ – mit Charleston-Unterricht in lockerer Atmosphäre.

Reiner Feistel bereitet derweil mit seiner, wie er betont, „kleinen, aber guten“ Compagnie schon jetzt den nächsten großen Tanzabend vor: „Das kalte Herz“.

„Der kleine Prinz“ im Podium


Reiner Feistels Tanztheatermärchen „Der kleine Prinz“ entstand in Kooperation mit der theatereigenen Ballettschule unter der Leitung von Gisela Montero i Garcia. 13 Eleven zwischen 8 und 11 Jahren präsentieren sich im Podium mit der Compagnie und Tanzpädagoge Gaëtan Chailly. Antoine de Saint-Exupérys dem einstündigen Stück zugrundeliegende Erzählung hat Feistel viele Jahre lang begleitet, die poetische Sprache fordere eine tänzerische Umsetzung geradezu heraus. Bühne und Kostüme gestaltete der Dresdner Stefan Wiel. Die Premiere am Freitag, 19.30 Uhr, ist ausverkauft, die Nachfrage nach den weiteren Terminen bis 14. April ist groß.


Luca Scaduto – Der Geschäftsmann
23 Jahre, aus Sciacca, Sizilien, und Mailand (I)
begann mit 17 Jahren zu tanzen: Ausbildung an der Tanzakademie Parma; Engagements in Spanien und am Croatian National Ballet
„Mit Tanz will ich etwas ausdrücken, das über Bewegung hinausgeht, mit Zuschauern kommunizieren, eine Botschaft rüberbringen. Tanz ist wie eine Sprache.“


Lucien Zumofen – Der kleine Prinz
24 Jahre, aus Vercorin, Wallis (CH)
begann mit 6 Jahren: Ausbildung in seinem Heimatdorf, später New York und London, Studium der französischen Literatur und Geschichte in Fribourg, Budapest Dance Theater Ensemble
„Mit Tanzen will ich das Publikum berühren.“


Raphaelle Polidor
Der Laternenanzünder
24 Jahre, aus Cherbourg (F)
begann mit 5 Jahren, ab 11 Internat Avignon, Paris, Marseille; 2012-15 BA Palucca Hochschule für Tanz, Dresden, Engagements: Kayzer Ballet (PT), Hess. Staatsballett Wiesbaden, Sorb. National-Ensemble Bautzen, Studium Marketing (BA), Kreativ- und Kulturmanagement (MA)
„Beim Tanzen ist mir wichtig, dass ich Spaß habe, Alltagsprobleme vergesse, Gefühle weitergebe ans Publikum.“


Edoardo Neviani – Der Pilot
29 Jahre, aus Modena (I)
tanzt seit er 16 Jahre ist, erst an Privatschule, 2010 Ausbildung am Laban Dance Centre London, 4 Jahre aufgehört, dann Engagement in Siena (I)


„Beim Tanzen geht es mir darum, solange weiterzumachen, bis es mich glücklich macht.“


Gabriel Mathéo Bellucci
Das Spiegelbild
22 Jahre, aus Bahia (BRA)
begann mit 10 Jahren zu tanzen, Ausbildung 4 Jahre in Südbrasilien an der Bolshoi Ballettschule, 2 Jahre am Europaballett Konservatorium in St. Pölten (A)

„Beim Tanz geht es mir darum, über mich selbst hinauszuwachsen.“


Alba Pérez González – Die Rose·         27 Jahre, aus Burgos (E)
mit 10 Jahren Studium am Real Conservatorio Profesional de Danza Mariemma, 1 Jahr Gast in Mainz, Ballet de la Generalitat Valencia (E), Tanz-Bachelor Madrid, Staatsth. Nürnberg
„Wir sind auf Worte fixiert. Ich möchte zurück zum Körper als Kommunikationsmittel, erreichen, dass Menschen ihre Körper wiederentdecken.“


Nora Paneva – Die Schlange
26 Jahre, aus Dolna Metropolia (BG), aufgewachsen in Valencia (E)
mit 14 Jahren Ballettschule Conservatorio de Valencia, Studium am Conservatorio Maria de Avila, Madrid; tanzte in S. Sebastian und Neustrelitz
„Ich möchte mit Tanz erreichen, dass die Menschen etwas empfinden, ob gut, schlecht oder Enttäuschung – Hauptsache, sie fühlen etwas.“


Seungah Park – Laternenanzünder
29 Jahre, aus Ilsan (KOR)
begann mit 10 Jahren zu tanzen, Ausbildung u.a. an der Vaganova Ballet Academy von St. Petersburg in Seoul, mit 26 Weiterbildung an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, 2 Jahre Mainz Delattre Dance Company, 2 Jahre Mainzer Nationaltheater
„Beim Tanzen möchte ich meine Gefühle verarbeiten.“


Yoh Ebihara – Der Eitle
24 Jahre, aus Kobe (JPN)
begann mit 4 Jahren zu tanzen, Ausbildung an einer privaten Tanzschule in Japan, als 14- bis 17-Jähriger ganztägig, mit 18 Jahren Staatliche Ballettschule Berlin, ab 2015/16 fest angestellt in der Compagnie des Ballett Chemnitz, folgte Reiner Feistel nach Ulm
„Ein Tänzer muss die Zuschauer emotional berühren, sie zum Fühlen und Denken anregen.“


Maya Mayzel – Der Fuchs
23 Jahre, aus Moskau (RUS)
begann mit 4 Jahren mit Standard- und russischem Ausdruckstanz, mit 12 Ballettschule, mit 14 St. Pölten (A) bei Muarycova Schida, 2 Jahre Kroatisches Nationaltheater, ausgebildete Ballettlehrerin, Gast-Engagement in Salzburg, unterrichtet an der Ballettschule des Theaters Ulm Modern Dance
„Tanz ist Freiheit für mich.“