Ulm Digitalisierung: Erkennen Ulmer Firmen die Zeichen der Zeit?

In vielen Lagerhallen sind inzwischen Drohnen unterwegs – und zwar ganz selbstständig, sobald sie einmal richtig programmiert sind.
In vielen Lagerhallen sind inzwischen Drohnen unterwegs – und zwar ganz selbstständig, sobald sie einmal richtig programmiert sind. © Foto: ©Halfpoint/Shutterstock.com
Ulm / Christine Liebhardt 11.10.2018
Unternehmer und Experten erzählen auf Einladung der Initiative Ulm Digital, wie sie konkret mit der Digitalisierung umgehen.

Technischen Fortschritt ignorieren? Was man sich als Privatperson vielleicht noch leisten kann, bringt Unternehmen nicht weiter. Im Gegenteil: Wer vor dem Wandel die Augen verschließt, geht unter. Doch wenn Betriebe sich rechtzeitig kümmern, lassen sich dank der Digitalisierung Effizienz- und Umsatzsteigerungen erzielen. Das sind die Erkenntnisse der neuen Vortragsreihe „Digital konkret: 10 mal 10 Minuten Impulsvorträge“ der Initiative Ulm Digital, die am Dienstagabend in der Schalterhalle der Sparkasse vor rund 100 Zuhörern ihren Auftakt fand.

Permanenter Prozess

Das Prinzip: In höchstens zehn Minuten sollten die Referenten aus der Region erklären, wie sie mit der Digitalisierung umgehen. Wobei der Abend „9 mal 10“ hätte heißen müssen – denn ein Referent hatte kurzfristig abgesagt. Heribert Fritz, Vorsitzender der Initiative, moderierte den Abend. So unterschiedlich die Schwerpunkte in den Vorträgen der reinen Herrenriege gesetzt waren, kristallisierte sich aus allen doch ein gemeinsamer Faktor heraus: die Kontinuität des Wandels. Die digitale Transformation wird durchweg als permanenter Prozess wahrgenommen.

Mit unterschiedlichen Folgen für die Unternehmen. „Die Mitarbeiter bekommen Freiräume, wenn Projekte digitalisiert sind“, berichtete Gerhard Kaminski von Schwenk Zement. „Sie treffen bessere Entscheidungen und können ihre Fähigkeiten einbringen.“ So müssen bei Schwenk Steinbrüche nicht mehr unbedingt auf einer Begehung vermessen werden: Das kann eine Drohne übernehmen. Die spielen auch bei Seifert Logistics eine Rolle, erzählte Harald Seifert in seinem Vortrag. Bei dem Logistiker ist eine Inventurdrohne im Einsatz, die selbstständig die Regale in den Lagerhallen abfliegt und permanent Inventur macht: auf 55 000 Quadratmetern. Bislang waren damit zweimal jährlich 150 Mitarbeiter vier Tage lang beschäftigt – die sich jetzt anderen Aufgaben widmen könnten. „Das muss nur noch vom Wirtschaftsprüfer genehmigt werden, dann haben wir’s“, sagte Seifert.

Für den Hersteller von Prüfmaschinen Zwick Roell bedeutet der technische Wandel, dass seine Geräte auch Sensoren und Schnittstellen von digitalen Signalen prüfen können müssen. „Insulinspritzen zum Beispiel funktionieren nicht mehr nur mechanisch, sondern übermitteln auch Daten“, nannte Thomas Herrmann ein Beispiel. Als ingenieurlastiges Unternehmen habe man erst lernen müssen, dass akribische Planung bei digitalen Themen nicht zwingend zu Erfolg führe und es wichtiger ist, vieles auszuprobieren, als keine Fehler zu machen. Eine Strategie, mit der auch Markus Kress von Gloria Haus- und Gartengeräte Erfolg hat: Innerhalb von vier Jahren hat das Unternehmen seine Umsätze verdoppelt – bei gleich bleibendem Personal. Menschen würden immer für Ideen gebraucht werden, sagte Kress. Es sei aber immer wichtiger, schneller und besser zu sein als andere. Seine Konstrukteure entwickeln neue Geräte deshalb inzwischen mit Hilfe von Teilen aus dem 3D-Drucker.

Zeichen der Zeit erkennen

Gastgeber Stefan Bill machte klar, dass die Sparkasse dort investieren werde, wo die Kunden sind. Das bedeutet vor allem den Ausbau der zentralen Internetfiliale. „Das Kundenvertrauen bleibt das Wichtigste“, sagte Bill. „Wir haben den Anspruch, dass wir mit Daten anständig und sicher umgehen.“ Der Datenschutz beschäftigt auch Otto Sälzle von der IHK Ulm. Für ihn ist die Mitglieder- und Kundenperspektive zentral. „Wir wollen den Beratungsbereich digitalisieren – dafür müssen wir unsere Mitarbeiter schulen.“ Um sichere Daten ging es auch Ralph Ehmann vom Logistik-Berater IWL. Ziel: Wenn das Büro abbrennt, muss die Firma innerhalb von 48 Stunden wieder arbeitsfähig sein. „Das war mit unserer früheren IT nicht möglich.“ Also ging es vom Serverraum im Keller in die Cloud.

Für Oberbürgermeister Gunter Czisch spielt der digitale Fortschritt allein schon aufgrund der „zentralen Frage der Stadtentwicklung“ eine Rolle: Wie bekommt man die Fachkräfte von morgen? Derzeit beschäftigt die Verwaltung vor allem der vollständige Glasfaserausbau in der Innenstadt – auch, damit dort ein 5G-Testfeld entstehen kann.

„Man muss die Zeichen der Zeit erkennen“, fasste Prof. Frank Kargl von der Uni Ulm zusammen. Technologie sei schon immer disruptiv gewesen: „Es macht keinen Unterschied, wie sehr wir Buchhandlungen oder Printzeitungen schätzen.“ Die Technik werde sich weiterentwickeln: „Wir werden das nicht aufhalten, aber wir müssen die Folgen abschätzen.“

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