Öffentlicher Raum Wo sind wir denn hier? Der erste Neu-Ulmer Streifzug

Der Brunnen vor dem Donaucenter war eine Station des Streifzugs mit Johannes Stahl und Dagmar Schmidt.
Der Brunnen vor dem Donaucenter war eine Station des Streifzugs mit Johannes Stahl und Dagmar Schmidt. © Foto: Matthias Kessler
Neu-Ulm / Lena Grundhuber 27.08.2018

Sowas gehört in Neu-Ulm auch dazu“, sagt Johannes Stahl und deutet auf ein rätselhaftes Objekt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wenn man der Fantasie ein wenig Freiheit lässt, dann könnte man die übereinandergestellten Reifen, die der Autohändler dort zu Werbezwecken zu einem Türmchen errichtet hat, tatsächlich als Skulptur sehen.

„Reifenschaschlik“ nennt es Kunsthistoriker Stahl, was gar nicht despektierlich gemeint ist, denn das Teil ist schon wegen der Nachbarschaft zum Kneipenschild „Schräglage“ einen zweiten Blick wert. Irgendwie passt da alles zusammen, die kleine Gruppe der Betrachter hat jedenfalls ihre helle Freude an der Entdeckung.

„Einfach mal gucken“

Der erhoffte Effekt des ersten Neu-Ulmer „Streifzugs“ ist damit eingetreten: „Einfach mal zu gucken, was überhaupt da ist, mit allen Sinnen erleben: Was ist das für ein Ort, an dem wir leben?“, wie Helga Gutbrod, Chefin des Edwin-Scharff-Museums, es ausdrückt. Kurator der Reihe ist der Kölner Kunsthistoriker Johannes Stahl, der zu jedem neuen Spaziergang eine andere ortsfremde Künstlerin oder einen Künstler einlädt. Am Donnerstag war es Dagmar Schmidt aus Langenhagen bei Hannover, eine Spezialistin für Stadträume und übrigens auch Vorsitzende des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK).

Das besondere Augenmerk des Streifzugs, der ausgerechnet auf den ersten Regentag seit langem fiel, lag dementsprechend dann doch vornehmlich auf Kunst im öffentlichen Raum. Stahl und Schmidt führten ausgehend vom Museumshof zum Beispiel zum Neu-Ulmer „Wahrzeichen wider Willen“, dem Donaucenter. Davor nämlich, man nimmt ihn kaum wahr, steht ein Brunnen inmitten eines kleinen Platzes. Erdacht wurde das Konzept vom Künstler Erwin Wortelkamp. Auf den Bänken drumherum aber sitze selten jemand, meinten die meisten Teilnehmer des Spaziergangs. Ob der Platz wirklich so funktioniert wie gedacht?

Weniger verlassen als versteckt ist die Merkur-Skulptur von Hans Bühler in der neuen Sparkasse. Einst hing sie an der Fassade, jetzt ist sie in den Innenraum gewandert, wozu Johannes Stahl die bedenkenswerte Frage stellte: „Was passiert mit Kunst am Bau, die einst für einen bestimmten Ort geschaffen wurde und dann weggehängt wird?“ Ein wenig zwiespältig sei übrigens der Symbolgehalt der Figur: der Gott der Diebe als Patron der Sparkasse – nun ja.

Übers Ehrenmal auf dem Schwal von Haus-Bildhauer Edwin Scharff – soviel Hommage muss sein – und Jozef Legrands Bänke und Lampen auf Textteppich, mit dem er den Neu-Ulmer Maxplatz quasi zum innerstädtischen Wohnzimmer umgestaltet hat, ging es noch zu Herbert Volz und seiner Skulptur über die vier Farben des Kantenspektrums.

Vorbei an besagter Reifenskulptur zum Augsburger-­Tor-Platz lenkte Dagmar Schmidt den Blick auf jene Stahlskulptur von Helmut Schäffenacker, die man vielleicht auch nicht gleich bemerkt. Denn, wie Dagmar Schmidt anmerkte: „Autos sind ja im Prinzip auch Stahlskulpturen.“

Wer den Spaziergang verpasst hat, muss nicht erst auf die angekündigte Dokumentation der gesammelten Streifzüge warten, sondern kann auch selber noch einmal auf die Jagd gehen. Johannes Stahl und Dagmar Schmidt haben gut sichtbare gelbe „Gaunerzeichen“ an den einschlägigen Stellen hinterlassen. Und wer sie trotz des Regens noch auffinden sollte, der kann still für sich das Schauen üben.

Lesen lernen mit Gigo Propaganda

Der nächste Spaziergang findet am 13. September mit Gigo Propaganda (bürgerlich: Danijel Brekalo) statt. Er wurde 1979 in Mostar, Bosnien-Herzegowina, geboren und beschreibt sich als Straßenkünstler und Kunstnomade aus Leidenschaft. Der im Ruhrgebiet ansässige Künstler gibt augenzwinkernd Nachhilfe im Lesen. Die Grundlage dafür bietet die Stadt mit ihren Parcours aus Wörtern. Beginn ist wieder um 18 Uhr im Innenhof des Edwin-Scharff-Museums.

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