Ulm Wo sind die Insekten geblieben?

Früher wurden viele Insekten durch Autos getötet, heute umso mehr durch Pestizide.
Früher wurden viele Insekten durch Autos getötet, heute umso mehr durch Pestizide. © Foto: Fotolia
Ulm / SCHLEICHER 16.09.2016
Früher stand Autoscheiben putzen im Sommer auf der Tagesordnung: Während des Fahrens zerschellten unzählige Insekten an der Scheibe und hinterließen ein blutiges Schlachtfeld. Heutzutage ist das nicht mehr notwendig. Der Grund: Insekten sterben aus.

Der Sommer ist vorbei, die Bilanz zum Wetter ist gezogen. Nicht jedoch die zu einem anderen, ebenfalls ziemlich sommerlichen Phänomen. Einem, das mit Summen und Brummen, Schwirren und Säuseln, Schlagen und Kratzen sowie dem Putzen von Windschutzscheiben und Autokennzeichen zu tun hat. Die Ursache dafür sind Insekten. Besser gesagt – waren – Insekten, denn irgendwie scheint es kaum noch welche zu geben.

Wer vor zehn Jahren noch bei Sonnenschein eine Fahrt mit dem Auto unternahm, der hatte nach wenigen Kilometern schon keinen Durchblick mehr. Mit dumpfen Plopp zerschellten ungezählte Insekten in allen Formen und Größen an der Windschutzscheibe. Sie sah aus wie ein Schlachtfeld mit all den blutigen und schleimigen Resten von Schmeißfliegen, Faltern, Schweb -und Stubenfliegen, Kamelhalsfliegen und vielen anderen.

Es gehörte zu einem ordentlichen Sommer, das Auto regelmäßig mit einem Kratzschwamm an der Tanke von all den Kadavern zu reinigen. Genau so wie man im SSV- und Donaubad immer wieder Menschen mit einem hysterischen Schrei und wild um sich schlagend ins Wasser springen sah. Der Grund waren Bremsen, die bekanntlich gern am Wasser sind.

Heute bleibt die Scheibe den ganzen Sommer sauber, und es herrscht Ruhe in Bad, Wald und Flur. Was das heißt? Nichts Gutes jedenfalls: Wie Wissenschaftler und Naturschützer herausgefunden haben, gibt es 80 Prozent weniger Insekten als noch vor 20 Jahren. Die Untersuchung fand zwar in Nordrhein-Westfalen statt, ist aber laut Insektenforscher auf Baden-Württemberg übertragbar. Selbst wenn Insekten lästig sind – damit geht nicht nur die Vielfalt verloren, sondern auch die Nahrung für Vögel, die Bestäubung von Blumen und Pflanzen ist gefährdet, sagt Stefan Jarau vom Neurobiologischen Institut der Uni Ulm, der das Summen und Brummen auch schon vermisst hat. Er finde es beunruhigend.

Das dramatische Insektensterben hat mehrere Ursachen: eine monotone Landwirtschaft, und vor allem der Einsatz von Pestiziden – „die Insekten werden regelrecht vergiftet“, heißt es in der Studie. Auch die Versiegelung von Flächen und sterile Privatgärten, die aussehen wie Geröllfelder – ohne Wiesen, Blumen, Sträucher – tragen zum Aussterben der Insekten bei.

Jetzt ist der Sommer vorbei, aber der nächste kommt bestimmt. Man sollte sich Gedanken darüber machen, ob es reicht, dass die Sonne scheint.

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