Ulm / RUDI KÜBLER

Angedacht hatten die Uni-Mediziner das Projekt schon vor Jahren. Vor allem Prof. Tobias Böckers hatte sich stark gemacht für ein Lehrkrankenhaus, in dem angehende Mediziner realitätsnah an spezielle Situationen herangeführt werden. Wie führt man Patientengespräche? Wer macht was in einer Notfallsituation? Das sind beispielsweise Fragen, auf die Böckers in seinem Medizinstudium keine oder nur unzureichend Antwort bekam. „Es gibt einige Dinge, die man mir früher oder überhaupt einmal hätte zeigen können“, blickt der Studiendekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Ulm auf seine eigene Ausbildung zurück.

Diese persönliche Erfahrung hat den 52-Jährigen, der die Abteilung Anatomie und Zellbiologie an der Universität Ulm leitet, geprägt. Die Lehre war ihm immer schon eine Herzensangelegenheit, nicht von ungefähr hat Böckers gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe den Lehrpreis des Landes Baden-Württemberg für das Lehrkonzept „Anatomische Ausbildung im 21. Jahrhundert: Moderne Ansätze zu Qualitätsstandards in der Lehre, Ausbildungsforschung und curricularer Integration“ erhalten.

Ziel: Kompetenzen erlangen

Das war 2008 – und schon damals war das Lehrkrankenhaus im Gespräch. Das Üben mit Puppen, das Üben von Situationen, von Abläufen. Aber nicht nur das. „Wissen ist nur der Grundstock in der Medizin“, sagt Böckers, „reines Wissen reicht nicht aus.“ Die Mediziner von morgen müssten über das Wissen hinaus Fähigkeiten, Kompetenzen erlangen, „wir müssen die angehenden Ärzte auf Gespräche mit Patienten vorbereiten, und das können durchaus schwierige Gespräche sein“. Gespräche, bei denen es um Leben und Tod geht. Für die einen stelle das kein Problem dar, für andere sehr wohl. „Es geht darum, die Studierenden zu sensibilisieren: Stelle ich am Krankenbett die adäquaten Fragen?’“

Als die Lehrklinik Wirklichkeit werden sollte, geriet das Uni-Klinikum wegen der neuen Chirurgie in die finanzielle Bredouille. Nichts ging mehr. Das Projekt war auf Eis gelegt, „die Finanzierung ist ja nicht trivial“, sagt Böckers heute, da er Jahre später die Pläne für die Trainingsklinik in Händen hält. „To Train U“ (TTU) – so heißt das Vorhaben, das vor Jahren noch innovativ war. Mittlerweile hätten mehrere Unis Krankenhäuser dieser Art eingerichtet, der Ulmer Mediziner weiß von Marburg und Münster, „aber wir sind vorne mit dabei“.

Dass Handlungsbedarf besteht, macht vor allem eine Beobachtung deutlich: Durch die immer kürzer werdenden Liegezeiten haben die angehenden Mediziner immer weniger Kontakt mit Patienten. „Wir wollen damit nicht das Gespräch am Krankenbett ersetzen. Wir wollen aber bestmöglich darauf vorbereiten.“

Rund 16,2 Millionen Euro, so die neuesten Zahlen, soll das Gebäude kosten soll, wie Wilmuth Lindenthal, Leiter des Ulmer Amts für Vermögen und Bau Baden-Württemberg, sagt. Die Bauunterlagen würden noch vor Weihnachten eingereicht, der Baubeginn sei für Ende 2017/Anfang 2018 geplant, so Lindenthal. In Betrieb könne das Trainingshospital nach einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren gehen, also im Frühjahr/Sommer 2020.

Und die Finanzierung? Einen Großteil der Kosten übernehme die Medizinische Fakultät, sagt Böckers. Sie wird ebenfalls im neuen Gebäude untergebracht. Damit ist die Zeit der schon dauerhaften Zwischenlösung zu Ende; die Holzbaracke an der Einstein-Allee, in der die Fakultätsmitarbeiter ihre Büros haben, wird der Vergangenheit angehören. Endlich, sagt Böckers, der das Projekt leitet. Bauherr ist die Universität, sie wird für die Kosten des Hörsaals aufkommen, der sich vom Erdgeschoss ins Untergeschoss des  Gebäudes, bildlich gesprochen, eingräbt.

Etwas mehr als 2500 Quadratmeter Nutzfläche umfasst das Gebäude, davon entfallen 1000 Quadratmeter auf das TTU, das eine gewisse Klinikrealität abbildet: mit einer eigenen Zufahrt für Krankenwagen, um Übergabesituationen und das Gespräch mit dem Notfallarzt zu üben. Mit einer Intensivstation, wo das Intubieren an Puppen trainiert wird. Mit einer Station, wo es Arzt- und Patientenzimmer gibt. Und wo Gesprächssituationen zwischen dem Mediziner-Nachwuchs und und Schauspiel-Patienten auf Video aufgenommen werden. „Darauf folgt dann die Feedback-Runde“, sagt Böckers.

Empathie ist gefragt

Last but not least wird eine Art niedergelassene Praxis mit Warte-, Arzt- und Untersuchungszimmer eingerichtet. Denn: Wie geht man als Allgemeinmediziner mit einem Patienten um, der nach dreistündiger Wartezeit erst mal den Kropf leeren will? Oder wie reagiert man auf einen Patienten, der einen großen Sprechbedarf hat, aber nach eingehender Untersuchung offensichtlich keine Erkrankung? Auch der Umgang mit solchen „Patienten“ will gelernt sein. Böckers: „Da ist Empathie gefragt, viel Empathie.“

Zur Person

Laufbahn Tobias Böckers hat seit Mai 2003 den Lehrstuhl für Anatomie und Zellbiologie an der Uni Ulm inne. Der 52-Jährige hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert, dort auch promoviert, im Jahr 1998 habilitierte er. An der Universität Münster wurde Böckers zweimal als „Lehrer des Jahres“ (1995 und 2001) ausgezeichnet, vom Land Baden-Württemberg erhielt er 2008 den Landeslehrpreis für sein Lehrkonzept.