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Schwörmontag
Ulm / SWP  Uhr
Auszeichnungen hat Tanja Weil in ihrem noch nicht allzu langen Forscherinnenleben schon einige bekommen. Doch als sie vor wenigen Tagen einen Brief mit der Nachricht erhielt, sie werde am Schwörmontag den Wissenschaftspreis der Stadt Ulm erhalten, da war ihre Freude besonders groß.

„Diese Ehrung ist etwas Besonderes. Sie hat eine viel breitere Sichtbarkeit, denn normalerweise werden Preise ja nur innerhalb der eigenen Community wahrgenommen“, sagt die 40-jährige Chemikerin, die das Institut für Organische Chemie III und Makromolekulare Chemie der Universität Ulm leitet und dort eine W 3-Professur innehat.

Weil ist weit herumgekommen. Nach Stationen in Frankreich und Singapur (wo sie im Alter von 33 Jahren Professorin an der renommierten National University war) sowie einer Karriere in der pharmazeutischen Industrie nahm sie 2010 den Ruf an die Uni Ulm an. Natürlich lässt sich in der Wirtschaft mehr verdienen, aber Geld ist nicht die Welt. Am universitären Leben reizt sie die Zusammenarbeit mit jungen Menschen, die Freiheit, das hohe Maß an Selbstbestimmung, wie sie sagt. Verwaltungsaufgaben hin, Drittmittelakquise her: „Es ist immer noch genug Zeit für Dinge, die einen wirklich beschäftigen.“

Was sie wirklich beschäftigt? Die Erforschung neuartiger Makromoleküle, die etwa in der Medizin Anwendung finden. Ihre Begeisterung für Moleküle habe einst ein engagierter Cuxhavener Gymnasiallehrer geweckt, hat sie vor einigen Jahren einmal erzählt. „Ich arbeite gerne praktisch und fand es sofort faszinierend, mit Chemie Neues herstellen zu können.“

Dabei ist es geblieben. „Wir versuchen ansatzweise, an die Natur heranzukommen“, beschreibt Weil ihre Arbeit. Es gehe darum, Prinzipien der Natur zu verstehen und anzuwenden, um Moleküle und Materialien herzustellen, die sich durch ein Höchstmaß an Präzision auszeichnen. Solche Makromoleküle seien dann in der Lage, Medikamente gezielt zu ihrem Wirkort zu transportieren. Für die Krebsmedizin bedeutet das: Pharmazeutische Wirkstoffe landen exakt dort, wo der Tumor ist, „wo die Erkrankung stattfindet“, wie sie es formuliert.

Ein Kennzeichen von Weils Wirken ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit über die Chemie hinaus: mit Medizinern, Biologen und Physikern. Insofern sieht sie den Wissenschaftspreis auch „als Auszeichnung für die gesamte Teamleistung“. Gemeinsam mit den Ulmer Virologen Frank Kirchhoff, Jan Münch und Frank Rosenau hat Weil das „Kompetenzzentrum für Peptidpharmazeutika“ gegründet, Ziel: nebenwirkungsärmere Wirkstoffe zu erforschen und für die Therapie zu entwickeln. Auch in den Materialwissenschaften eröffnen sich für die Chemikerin Anwendungsfelder. Die Erforschung und Anwendung von Diamant-Sensoren stellt einen Forschungsschwerpunkt dar.

Der bisher größte Erfolg in ihrer Laufbahn: Vor wenigen Monaten erhielt Weil gemeinsam mit den Ulmer Physikern Fedor Jelezko und Martin Plenio den „Synergie Grant“ des Europäischen Forschungsrates, es handelt sich dabei um das höchst dotierte Förderinstrument der EU. Bis 2018 wird die Gruppe mit 10,3 Millionen Euro gefördert. Mit dem Geld will das Forscher-Trio einen Nano-Diamant-Sensor entwickeln, der 80.000 mal dünner als der Durchmesser eines Haares ist. So klein, dass er an Proteine andocken und die Vorgänge darin sichtbar machen kann.

Abgehoben wirkt Weil deshalb nicht, im Gegenteil: Für Erdung sorgt ihre kleine Tochter. Ihr Hobby Segelfliegen hat sie zwischenzeitlich aufgegeben.