„Was wir in der Diskussion völlig vergessen, ist der Nutzen der Energiewende“, sagt der Professor der Hochschule Ulm. Denn der Nutzen durch die regenerativen Energien lasse sich durchaus beziffern, die Öleinfuhr habe sich in den vergangenen Jahren um 25 Prozent reduziert, „das heißt: Wir haben 25 Prozent weniger Rohstoffe einkaufen müssen. Das formuliert niemand.“

Ja, die regenerativen Energien, die Wende und die Wende von der Wende nach Fukushima. Heilscher könnte sich da den Mund fusselig reden. Über die Politik. Über die Energiekonzerne. Über Kernkraftwerke, die er als „Dinosaurier“ und „Gelddruckmaschinen“ bezeichnet. Über die Entsorgung des Atommülls. Über die Kernkraft, eine „Technik von vorgestern“. Zwei Drittel der Energie, die dort produziert wird, gehe über die Kühltürme verloren, führt der 51-Jährige weiter aus und schüttelt den Kopf. „Das ist, wie wenn Sie einen Laib Brot kaufen und zwei Drittel wegwerfen.“ Heilscher liebt solche Vergleiche, liebt die bildhafte Sprache, mag sie auch sehr plakativ sein. Aber nur dann, ist er sich sicher, verstehen auch seine Zuhörer, worum es bei der Energiewende geht – nämlich darum, Deutschland mit Strom und Wärme zu versorgen. Zukunftssicher und bezahlbar. Und dafür ist Heilscher seit fast zweieinhalb Jahrzehnten unterwegs, immer noch mit derselben Begeisterung und Überzeugungskraft wie nach dem Studium der Elektrotechnik (FH München) und der Erneuerbaren Energien (Uni Oldenburg).

Dass die Wende mit einem Mix aus Windkraft, Solarenergie, Wasserkraft, Geothermie und Biogas gelingen kann, ist für ihn klar. Allein die Solarenergie, „die blauen Platten auf den sehr gut und gut geeigneten Dächern der Ulmer Häuser“, bringen fast 50 Prozent des Strombedarfs der Stadt, nicht nur, was die Haushalte betrifft, sondern auch die Industrie. „Mit Biomasse und Wasserkraft kommen wir gar auf 75 Prozent“, rechnet er vor.

2006 wurde Heilscher an die Hochschule Ulm berufen, und zwar auf die Stiftungsprofessur mit dem etwas sperrigen Titel „Energiedatenmanagement dezentraler regenerativer Energiesysteme“. Die Ausschreibung sei zu 100 Prozent auf ihn zugeschnitten gewesen, erzählt der Vater dreier Kinder. „Ich musste mich einfach bewerben.“ Zumal er das Geschäft ja auch kannte: Zehn Jahre lang hatte er einen Lehrauftrag für Regenerative Energiesysteme an der FH München inne, neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer eines Augsburger Solarunternehmens, das er maßgeblich in den 90er Jahren auf- und ausgebaut hat.

Was damals zwangsweise mit dem Wachsen der Firma immer mehr in den Hintergrund trat: die Forschung. Ihr kann er jetzt frönen, mit einem Team, bestehend aus zwei Doktoranden und vier Mitarbeitern, in zwei „Reallaboren“ und in enger Kooperation mit den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm (SWU). Reallabore? Ja, damit sind die beiden Testgebiete Einsingen und Hittistetten gemeint, die ihm Anworten auf zwei zentrale Fragen geben sollen. Wie viel Solarstrom verträgt das Stromnetz in Um? Und darauf aufbauend: Was kostet ein intelligentes Stromnetz für Ulm?

Die Ergebnisse aus den Reallaboren zeigen zweierlei: Zum einen, dass mit dem über die Paneelen erzeugten Solarstrom auch die Nachbarhäuser problemlos versorgt werden können. Die Solaranlagen liefern nämlich doppelt so viel Strom, wie eigentlich benötigt wird. Zum anderen, dass sich die künftige Netzplanung an der maximalen Einspeisung der Solaranlagen orientieren muss. Sprich: Wenn alle Dächer mit den blauen Platten ausgestattet sind, ist das heutige Stromnetz überfordert; die Spitzenleistung kann bis zu einen Zehnfachen über dem liegen, was das lokale Netz auszuhalten imstande ist. Dann müssen andere Kabel, müssen stärkere Transformatoren her, denn die Spannung im Netz soll ja relativ konstant gehalten werden. Dafür müssen die SWU gerade stehen, „nicht, dass irgendwo im Haushalt ein Gerät zu rauchen anfängt“.

Die Herausforderung lautet: Wie muss man das Netz verändern? Intelligente Stromzähler können ihren Teil dazu beitragen, sie liefern aktuelle Informationen über den Netzzustand direkt zurück an die Leitwarte der SWU, erklärt Heilscher, der auch Leiter der Donauhochschule für regenerative Energien und effiziente Energienutzung ist. Dass seine Forschung gefragt ist, beweist eine Zahl. Vier von fünf Forschungsanträgen, die er in diesem Jahr gestellt hat, sind bewilligt worden. Und der fünfte sei noch in der Schwebe, sagt der Hochschul-Professor, der sich über die Auszeichnung der Stadt Ulm sichtlich freut. „Wenn man so lange an einem Thema arbeitet, ist das einfach eine Anerkennung.“