Ein ganzes Leben hatte Peter Schulz von einem Tag auf den anderen geerbt. Um genau zu sein: das, was von einem Leben geblieben war. Möbel, Teppiche, Bilder, Akten. „Ich hatte nur eine Woche, das Haus meiner Tante auszuräumen. Aber in meiner Wohnung und Keller war kein Platz mehr.“ Also alles sofort verkaufen, unter Wert? Schulz fand eine Lösung: Er mietete sich Platz in einem Selfstorage. „Jetzt habe ich Zeit. Kann mir überlegen, was ich behalten und was ich verkaufen möchte. Ohne Stress.“ Stress haben etliche der Kunden von MyStorage in der Neu-Ulmer Von-Liebig-Straße. Stress, weil sie von jetzt auf nachher Platz benötigen. Den bietet das Mietlager, individuell und flexibel. Seit neun Monaten residiert MyStorage im ehemaligen Praktiker, die Lagerabteile füllen sich Woche für Woche immer mehr.

Wachsende Mobilität führt zu mehr Bedarf

„Es herrscht ein Wahnsinnsbedarf in Ulm und Umgebung“, sagt Thomas von Ow., Vorstand von MyStorage. Das Unternehmen hat 2013 in Heidelberg sein erstes Mietlager eröffnet. Reutlingen, Fürth und Neu-Ulm folgten, bald kommt Nürnberg hinzu. In den USA, wo weniger Häuser Keller haben, sind Mietlager schon lange ein Thema. In Europa entwickelt sich der Markt erst seit wenigen Jahren. Die wachsende Mobilität führt hier nun zu mehr Bedarf. Da gibt es etwa den Manager, der in Indien arbeitete und heimkehrte, aber bald wieder eine Stelle im Ausland antritt und seinen Hausstand für zwei Monate zwischenlagert. „Da kommt schon mal eine Spedition mit einem 40-Tonner an“, sagt von Ow. Zur Klientel gehören Steuerberater, die Akten aufbewahren, Fliesenleger, die Platten einlagern. Die meisten sind aber Privatkunden. Menschen auf Wohnungssuche, „die nach vier Wochen weg sein wollten und nach fünf Monaten noch da sind“. Ebay-Shopper, die einen Haufen Ware kurz einlagern. Und da sind Kunden wie Peter Schulz, die nach einem Todesfall in der Familie plötzlich vor einem Berg Möbeln stehen.

In die Zehn-Quadratmeter-Box für die ganze Wohnung

Auch das Thema Scheidung und Trennung ist nicht selten. „Wir könnten auch eine Lebensberatung eröffnen“, sagt von Ow. „Manch einer kommt nach Hause, vor der Tür stehen Koffer, das Schloss ist ausgewechselt. Der braucht dann für seine fünf Sachen schnell Platz.“ In einer Box, die MyStorage-Mitarbeiter selbst nutzen, stehen Kisten und Werkzeuge, ein Glücksrad und ein Plastik-Weihnachtsbaum. 8000 Quadratmeter vermietbare Fläche bietet das Neu-Ulmer Lager. Derzeit sind 4500 Quadratmeter mit Boxen ausgebaut, es sind Räume in verschiedenen Größen zwischen einem und zehn Quadratmetern, jeweils drei Meter hoch. In die Zehn-Quadratmeter-Box „kriegen sie eine ganze Wohnung unter“, sagt von Ow. Mit den drei Metern Höhe wird es auch nicht ganz genau genommen, wenn „einer mal auf vier Meter stapelt und niemand gefährdet wird, ist es uns auch egal“. Er deutet auf eine Box, aus der oben ein Trampolin herausragt.

19 Euro pro Quadratmeter

Gut gestapelt und eingeräumt passt schon in die Ein-Quadratmeter-Box eine Menge – es sind ja drei Kubikmeter. „Da kann man auch die Schwiegermutter aufbewahren“, witzelt von Ow. Von den 350 Boxen dieser Größe sind rund zwei Drittel vermietet. „Unsere Auslastung erhöht sich kontinuierlich.“ Es gibt auch kleine Ein-Kubikmeter-Boxen, die an Schließfächer erinnern, und geräumige 50-­ Quadratmeter-Lager. In einer weiteren Halle werden Firmen, die Ware oder Maschinen zwischenlagern möchten, Großflächen angeboten. Auch ein Weihnachtsmarktstand wartet auf seinen Einsatz. Und Motorradfahrer können hier ihr Gefährt abstellen. Ein Quadratmeter kostet 19 Euro in vier Wochen. Zwei Wochen ist Mindestmietzeit, abgerechnet wird tagesgenau. „Man muss keine langfristigen Verträge schließen“, sagt von Ow. „Man kann spontan mit dem Anhänger kommen und so spontan wieder ausziehen.“ Und dank breiter Gassen kann man sogar mit dem Anhänger in die Anlage fahren, dort ein- und ausladen.

68 Standorten in Deutschland

Wer schon weiß, dass er länger Platz benötigt, bekommt Rabatt, aber Flexibilität ist das stärkste Argument. Jeder Kunde hat einen Code, mit dem er an 365 Tagen im Jahr von 6 bis 22 Uhr in die Halle kann. Das Gebäude ist hell, die Lagerboxen sind nicht einsehbar. Es ist trocken, belüftet und temperiert: Es ist mindestens 12 Grad warm, im Sommer aber nie über 20. Sicherheit und Sicherheitsgefühl sind auch Themen: Es gibt eine Videoüberwachung, 20 Kameras im Gebäude, im Hof und an den Zufahrten. Es ist keine direkte Konkurrenz, denn das Geschäftsmodell ist anders: Im Donautal bietet das Unternehmen StorangeBox mit dem lokalen Partner Hagmann-­Umzüge Einlagerungen an. Dort kann man kleinere Teile in Lagerboxen oder einzelne Möbel unterbringen lassen, aber auch Lagerflächen anmieten. Abgerechnet wird nach Kubikmetern. Das Spektrum reicht von einer kleinen Box mit der Fotosammlung bis zum gesamten Hausstand. StorangeBox ist an 68 Standorten in Deutschland vertreten, jeweils mit einem Möbelspediteur als Partner vor Ort. Im Regelfall bestellt der Kunde den Service online, die Güter werden abgeholt, eingelagert und bei Bedarf zurückgebracht. Leistungen wie Verpacken, Tragen oder Demontage kann man hinzubuchen. Eingelagert wird in Lagerhallen. Da die Luftzirkulation in einem großen Raum besser ist, verringert sich die Gefahr von Kondenswasser- und damit Schimmelbildung, informiert StorangeBox. Das Ulmer Lager ist zu 58 Prozent ausgelastet, es sind noch 200 Quadratmeter Fläche verfügbar.

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In den USA ein großes Thema


Mietlager Selfstorage hat sich in den 70er Jahren in den USA entwickelt. Heute gibt es dort mehr als 50 000 Standorte mit mehr als 237 Millionen Quadratmeter vermietbarer Lagerfläche. In Europa hat die Entwicklung zum Selfstorage zuerst in Großbritannien eingesetzt. In Deutschland stehen die Mietlager noch am Anfang der Marktentwicklung, derzeit gibt es gut 200 Standorte.

Forschung Seit einigen Jahren wird Selfstorage auch von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen als gesellschaftlich relevantes Thema betrachtet. 2011 starteten das Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin die Online-Plattform „Platzprofessor“. Dort werden Texte und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Mietlager und Selfstorage gesammelt und veröffentlicht