Kammerkonzert Winterreise im Theater Ulm

Patty Kontogianni dirigierte die „Winterreise“.
Patty Kontogianni dirigierte die „Winterreise“. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Jürgen Kanold 22.01.2019

So viel „Winterreise“ war selten: draußen eisige fünf Grad, verhangener Himmel, Schneefall – drinnen begleitete nicht nur ein Pianist den Tenor Luke Sinclair, sondern ein 23-köpfiges Orchester, inklusive Holz- und Blechbläser, Schlagwerk, Harfe und Akkordeon. Weit mehr als 200 Zuhörer fanden im Foyer einen Platz, um Franz Schuberts Liedzyklus zu erleben, und zwar in der „komponierten Interpretation“ Hans Zenders; einige Interessenten hatten an der Kasse die Reise in den Winter wieder antreten müssen, weil dieses außergewöhnliche 5. Kammerkonzert des Theaters Ulm ausverkauft war.

Schritte wie von fern – perkussiv klopfen die Streicher auf die Saiten. Ein Stampfen und ein Keuchen,  ein Innehalten, Suchen. Die Klarinette haucht die Melodie:  „Fremd bin ich eingezogen . . .“. Aber der Klarinettist selbst zieht durch die Zuhörerreihen und eine wunderliche Musikerlandschaft. Es beginnt mit „Gute Nacht“: Der da singt und berichtet vom Aufruhr in seiner Seele, von unerfüllter Liebe, der da schwankt zwischen Verbitterung, Hoffnung und Todessehnsucht und alles Leid auch mal hinausschreit, es ist Schuberts Wanderer. Zender aber, ein Altmeister der Avantgarde,  fokussiert in seiner 1993 uraufgeführten Fassung die Unruhe, die Brüche, er kontrastiert, verfremdet, montiert, schärft mit Dissonanzen. Und er reißt vielleicht auch die Schwellenangst eines großen Publikums vor dem bürgerlichen, geradezu intensiv intimen  Liederabend des Klassikbetriebs nieder, um das „Verstörungspotenzial“ der „Winterreise“ wieder freizulegen – so empfand das Wolfgang Fink in seinem Aufsatz zu Zenders Einspielung mit dem Ensemble Modern.

Das kann, das muss man nicht so hören, aber „Schuberts Winterreise“ von Zender ist auch ein faszinierendes Klangspektakel, das tatsächlich bildhaft die Wanderer-Geschichte erzählt. Das Orchester illustriert und kommentiert, spricht auch für den Tenor, der weitgehend das Original vorträgt. Luke Sinclair, der in „My Fair Lady“ als schwärmerischer Freddy auftritt, singt auch diesen Wanderer mit kräftig lyrischer Stimme nicht allein depressiv, sondern teils mit einer naiven Herzenswärme, die eben auch dazugehört und berührt. Patty Kontogianni dirigierte souverän ein bewegtes Ensemble, das den schwierigen akustischen Bedingungen im Foyer trotzte und mit großem Engagement aufspielte. Starker Applaus.

Am Theater in Münster hat übrigens Hans Henning Paar gerade diese Zender-„Winterreise“ als Tanztheater choreografiert – nachahmenswert.

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