Neu-Ulm Windsbacher Knabenchor: Ein Abend voller Glücksmomente

Eine phänomenale sängerische Leistung boten die Windsbacher Knaben am Samstag in der Petruskirche.
Eine phänomenale sängerische Leistung boten die Windsbacher Knaben am Samstag in der Petruskirche. © Foto: Matthias Kessler
Neu-Ulm / BURKHARD SCHÄFER 29.02.2016
Der Windsbacher Knabenchor begeisterte am Samstag in der Neu-Ulmer Petruskirche mit einem ebenso stimmigen wie perfekt inszenierten Programm.

"Dies ist ein großes Konzert - schon bevor es angefangen hat." Karin Schedler, Pfarrerin der im neuen Glanz strahlenden Petruskirche, stand bei ihren Begrüßungsworten die Vorfreude deutlich ins Gesicht geschrieben. Man habe sich dieses Konzert zum Ende der Baumaßnahmen geleistet, "richtiger gesagt: zur Halbzeit". Und sie bat um Verständnis dafür, dass die Hauptorgel zum Schutz vor Baustaub noch luftdicht versiegelt bleiben müsse und Organist Oliver Scheffels stattdessen die Digitalorgel spiele.

Mit Vorschusslorbeeren ist es ja immer so eine Sache, aber im Fall des Windsbacher Knabenchors und seines Leiters Martin Lehmann hatte Schedler eher noch unter- als übertrieben. Denn es war nicht nur ein großes, es war ein herausragendes, ja grandioses Konzert, das das 1946 gegründete Ensemble in Neu-Ulm bot. Dabei war es gar nicht einmal nur die phänomenale sängerische Leistung der Knaben, die den Abend zu einem unvergesslichen Ereignis werden ließ. Vor allem war es das bis auf den i-Punkt dramaturgisch stimmige Programm selbst, das die Zuhörer in den Bann zog.

"Geistliche a-cappella-Chormusik und Orgelwerke aus verschiedenen Epochen", so das eher nüchtern klingende Motto des Abends. Eröffnet wurde das Konzert vom Organisten, der mit der "Toccata" von Johann Staden für die erste positive Überraschung sorge, als er der so gar nicht nach einem "Ausweichinstrument" klingenden, sondern rundum wohltönenden Digitalorgel die ersten Klänge entlockte.

Als erstes - und auch letztes - Chorstück hatten die Windsbacher je ein "Pater noster" aufs Programm gesetzt. Zum stimmlichen Auftakt das von Johann Erasmus Kindermann, komponiert um 1640, und zum Beschluss eines aus dem 20. Jahrhundert, verfasst von Max Baumann. Im Zentrum dieses weit gespannten Rahmens stand aber ein Komponist, dessen Todestag sich 2016 zum 100. Male jährt, und der das Chormusik-Repertoire um wahre Schätze bereichert hat: Max Reger. Drei Werke aus seinen "Acht geistlichen Gesängen", op. 138, waren zu hören, zunächst die beiden Motetten "Morgengesang" und "Unser lieben Frauen Traum", dann das fünfstimmige Agnus Dei "O Lamm Gottes, unschüldig", dessen letzte Zeile "erbarm dich unser, o Jesu" so lupenrein und innig intoniert wurde, dass es einem schier die Tränen in die Augen trieb.

Den allerersten Zug im zentral platzierten Reger-Block hatte aber Scheffels, der das "Benedictus" op. 59/9 des Jubilars spielte. Allenfalls hier hätte man sich den vollen Ton der Hauptorgel gewünscht, zumal Reger für die größten und modernsten Instrumente seiner Zeit geschrieben hat. Aber auch auf der kleinen Digitalorgel konnte sich das Ergebnis mehr als nur hören lassen. Ein weiterer Höhepunkt des an Glanzlichtern reich bestückten Abends: Willam Byrds flehendes "Misere mei", das die jungen Sänger fließend in das harmonisch modernere und dabei nicht minder intensive "Miserere mei Deus" des 1954 geborenen litauischen Komponisten Vytautas Mikinis übergehen ließen. Sinnfälliger hätte der Chor die Jahrhunderte überspannende Tradition des sakralen Chorgesangs nicht präsentieren können. Dann Heinrich Schütz' berühmte Motette "Ach Herr, straf mich nicht in deinem Zorn", Seelendrama pur und von den Windsbachern genauso präsentiert.

Regers "Nachtlied" als Zugabe beschloss einen Abend voller Glücksmomente.

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