Medizin Wie viel Digitalisierung verträgt die Gesundheit?

 Uni-Professor Manfred Reichert: „Wir sollten uns nicht gegen die Digitalisierung wehren, sondern sinnvoll damit umgehen.“
 Uni-Professor Manfred Reichert: „Wir sollten uns nicht gegen die Digitalisierung wehren, sondern sinnvoll damit umgehen.“ © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Lisa Maria Sporrer 17.02.2018
Wieviel Digitalisierung wollen wir für unsere Gesundheit? Das war Thema einer Diskussionsrunde.

Gewicht, Puls, Blutzucker, Adrenalinspiegel: Immer mehr Menschen messen ihre Körperdaten mit von Apps oder tragbaren, vernetzten Geräten (Wearables). Mit großen Schritten verändert die Digitalisierung auch das Gesundheitswesen. Das bedetet Chancen für Patienten, Geschäfte für Konzerne, Erleichterungen für Ärzte, birgt aber auch Risiken beim Datenschutz. „Grundsätzlich nutzen Menschen die digitalen Vorteile in vielen Bereichen. Wenn es aber um die Digitalisierung ihrer Gesundheitsdaten geht, sind viele noch zurückhaltend“, sagte Hans-Joachim Seuferlein, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Ulm-Biberach, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema in der Galerie der SÜDWEST PRESSE.

„Apps sind dabei nur die Schnittstelle zum Patienten“, sagte Prof. Manfred Reichert. „Es gibt viele technologische Möglichkeiten. Vorraussetzung ist aber eine Vereinheitlichung der IT-Systeme in Kliniken und Praxen“, so der Leiter des Instituts für Datenbanken und Informationssysteme der Uni Ulm. Dabei gehe es aber nicht recht voran.

Denn die Möglichkeit, Röntgenbilder, Arztbriefe oder Laborwerte elektronisch zu erfassen, gebe es schon. Die Daten würden aber zu wenig verknüpft, so dass Patienten oft eine Odyssee bei Ärzten erlebten, bevor sie die richtige Behandlung bekämen.

Viele Einsatzmöglichkeiten

Die Möglichkeiten für eine Digitalisierung des Gesundheitswesens sind auch angesichts des Ärztemangels vielfältig. Das reicht vom Schrittzähler bis zu Online-Sprechzeiten, und den Verzicht auf Papier. Die Achillesverse bleibt der Datenschutz. So hatte Moderator und SWP-Politikredakteur Dr. Martin Hofmann ein breites Themenspektrum vor sicht. Dr. Frank Dieter Braun aus Biberach wies auch auf die Gefahren einer Digitalisierung hin: „Der Hausarztmangel ist nicht durch Digitalisierung aufzuheben“, sagte der Vorstand des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. „Wir sind noch nicht soweit, dass alles per Video geht. Ein Knie muss ich sehen und anfassen, um eine Diagnose zu stellen – und auch eine Lunge kann ich nicht per Skype abhören.“

Man müsse auch den digitalen Informationsfluss zu verbessern, außerdem sei im Bereich Datenschutz noch einiges zu leisten. Braun: „Versicherungen sind hochgradig scharf auf Gesundheitsdaten.“ Eine bessere Zertifizierung für Apps forderte auch der Ulmer Neurologe Dr. Michael Lang aus dem Publikum. Zudem müsse man die rechtlichen Aspekte bedenken, sagte Sylvia Wagner, Ärztin aus Blaustein: „Dr. Google ist mittlerweile überall gefragt. Was fehlt, ist eine Instanz, die das reguliert. Der Anfang wäre eine Software für Kliniken und Praxen.“

Seitens der AOK sagte Chefin Dr. Sabine Schwenk, man wolle nicht bloß Arztrechnungen zahlen: „Wir wollen nicht nur Payer sein, sondern auch Player.“  Die Digitalisierung komme, „ob wir das wollen oder nicht“. Reichert: „Wir sollten uns nicht dagegen wehren, sondern sinnvoll damit umgehen.“

Fahrplan für digitale Infrastruktur

E-Health Die  2006 eingeführte Gesundheitskarte hat aus Sicht der AOK keinen nennenswerten Fortschritt gebracht. Mittlerweile gibt es mit dem E-Health-Gesetz aber einen Fahrplan für die Einführung digitaler Infrastrukturen, auch mit Sicherheitsstandards. Von Mitte 2018 an sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an das System angeschlossen werden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel