Zwölf Jahre lang waren sie das erfolgreichste Jazz-Duo Deutschlands, sie schrieben unter anderem auch einen Titel für die Pop-Diva Tina Turner. Dann aber trennten sich Trompeter Joo Kraus und Bassist Hellmut Hattler. Vorbei: Die Ulmer haben ein neues Album produziert, das am 27. April erscheint. Die Vorfreude ist groß. Kurios aber: Findige Fans hätten ein besonderes Exemplar der CD-Box bereits im Internet kaufen können.

Was war geschehen? Wie üblich hatte die zuständige Promotions-Agentur 120 Rezensionsexemplare des neuen Tab-Two-Albums "Two Thumbs Up" an Kultur-Redaktionen und Musik-Magazine in ganz Deutschland verschickt. Wie üblich waren diese Rezensionsexemplare mit schwarzem Filzstift handschriftlich durchnummeriert. Jede Platte kann so eindeutig einem Empfänger zugeordnet werden. Promoexemplar Nummer 71 ging an einen Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

Und tauchte kürzlich, mehr als zwei Monate vor der offiziellen Veröffentlichung, im englischen Auftritt des Online-Kaufhauses Amazon auf. "Eigentlich wie neu; lediglich im Innenteil eine geschwärzte Eintragung" stand da in der Artikelbeschreibung. Dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, war für die potenziellen Käufer nicht zu erkennen. "Wir haben das zufällig herausgefunden", sagt Label-Chef und Tab-Two-Produzent Jürgen Schlachter. Ein treuer Fan habe ihn auf den Fund aufmerksam gemacht. "Und ich war richtig sauer."

Der Verkäufer, ein Hamburger Musik- und Literatur-Antiquariat, bekam diesen Zorn telefonisch zu spüren und löschte das Angebot umgehend. Aber von Reue keine Spur. "Ich verstehe die Musiker ja, aber damit muss man rechnen", sagt Inhaber Frank Mundt. "Ich verkaufe ständig Rezensionsexemplare." Ein mal pro Woche, vorzugsweise samstags, kämen Journalisten in seinem Geschäft vorbei, um ihre neuesten Errungenschaften feil zu bieten. "Ich könnte einige nennen, die sich ein Einfamilienhaus mit Promoexemplaren gebaut haben", sagt Mundt. Etwa ein Viertel des Neupreises zahlt Mundt für Bücher oder CDs, das gelte auch für unveröffentlichte Werke. "Kistenweise" würden Rezensionsexemplare bei ihm abgegeben, weil die Menge für die Redaktionen schlicht nicht zu bewältigen sei. "Ich kenne Redaktionen, da werden Bücher und CDs auf den Flur gestellt, damit sich die jemand mitnimmt und wieder Platz auf dem Schreibtisch ist." Ein Fahrer des "Spiegels", plaudert Mundt weiter, sammle diese Bücher und CDs regelmäßig ein, um sein Gehalt ein wenig aufzubessern. Andere schickten ihre Kinder mit Jutebeuteln voller Bücher vorbei, damit die ihr Taschengeld um ein paar Euro aufstocken können.

Was für den Einen ein paar Euro mehr in der Haushaltskasse sind, bedeutet für den Anderen einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden. "Wenn die Platte erstmal im Umlauf ist, wird sie auch ganz schnell irgendwo zum kostenlosen Download angeboten", befürchtet Produzent Schlachter. Dadurch gingen nicht nur Verkaufseinnahmen verloren, sondern auch die angestrebte Platzierung in den Album-Charts. "Wenn die Songs schon zwei Monate vorher verfügbar sind, interessiert sich nach der Veröffentlichung keiner mehr dafür." Und weil das so ist, versehen die großen Plattenfirmen ihre Rezensionsexemplare schon mal mit digitalen Wasserzeichen, die nachvollziehbar machen, wer einen Titel vor Erscheinungstermin ins Internet gestellt hat. Bei Filmpreviews ist es üblich, dass die Kritiker ihre Handys abgeben müssen, um nichtautorisierte Mitschnitte zu verhindern.

Händler Mundt sieht sich nicht in der Verantwortung: "Ich verkaufe nur. Was danach passiert, weiß ich nicht." Rechtlich befinde er sich in einer Grauzone. "Aber notfalls lass ich es drauf ankommen." Zu diesem Thema gebe es in Deutschland noch keine höchstrichterliche Rechtsprechung, sagt der Ulmer Anwalt Florian Günthner. "Der Urheber erteilt einer Redaktion die Rechte nur für die Rezension, nicht zum Verkauf." Bislang wurde der Verkauf von Promoexemplaren noch nicht zivilrechtlich verfolgt.

Info
Das Album "Two Thumbs Up" von Tab Two erscheint am 27. April. Und so viel sei schon im Voraus verraten: Die 3er CD-Box beinhaltet 35 Songs, darunter zehn neue, bislang unveröffentlichte Titel von Joo Kraus und Hellmut Hattler.