Nur neun Meter unter dem Kellerboden des Hauses von Gordona Pintar und Georg Ganser im Lehrer Tal sind annähernd ein Jahr lang Felsen gesprengt worden, und Bohrer fraßen sich durch das Gestein. Am 22. November feierten Mineure, Ingenieure, Politiker und rund 900  Gäste schließlich den Durchschlag des Albabstiegstunnels, Teil der Bahnneubaustrecke nach Stuttgart. Gordona Pintar und Georg Ganser feierten nicht mit.

Stattdessen saß das Paar unweit davon entfernt in seinem Haus und verstand die Welt nicht mehr. Der Grund: Ein 79-seitiges Gutachten des Bayerischen Versicherungsverbands über Bauschäden an ihrem Drei-Familienhaus aus dem Jahr 1969. Mit dem Ergebnis, dass weder Risse in den Wänden, verzogene Fenster und teils gesprungene Scheiben, herabgefallene Fliesen im Hausflur, die Senkung des Gebäudes noch ein aus dem Gleichgewicht geratener Dachstuhl durch die Bauarbeiten verzeichnet waren. „Wir waren sprachlos“, sagt die kleine Frau und schlägt einen Aktenordner auf.

Darin ist eine Geschichte dokumentiert, die wohl auch andere Hauseigentümer im Zusammenhang mit dem Projekt Stuttgart 21 so erleben – in Ulm und  Stuttgart. „Als erstes haben wir den Gestattungsvertrag unterschrieben“, sagt die 51-Jährige. Dieser erlaubt der Bahn die Bauarbeiten unter den Häusern. „Wir hatten kein Problem damit.“ Bei den Infoveranstaltungen zur Neubaustrecke sei stets versichert worden, dass eventuelle Schadensfälle unbürokratisch geregelt würden. Ein Rechtsschutz sei nicht nötig.

Wer sich allerdings weigert, die Gestattung zu unterschreiben wie der Nachbar des Paars, Thilo Gasser, wird enteignet. „Innerhalb einer Woche war das Enteignungsverfahren gelaufen“, erinnert sich Gasser, dessen Haus ebenfalls Schäden aufweist.

Weil das Paar dennoch auf Nummer sicher gehen wollte, beantragte die gelernte Lkw-Fahrerin bei der Bahn eine so genannte Beweissicherung, bei der der Zustand eines Hauses vor den Bauarbeiten dokumentiert wird. „Jeder kleinste Riss und Spalt wurde fotografiert“, sagt Pintar.

Anfang 2014 ging es los. Zunächst mit Sprengungen bis 150 Meter vor ihrem Haus: „Alle zwei Stunden knallte es, das Haus wackelte“. Danach kam der Bohrer, der sich 24 Stunden lang unter ihnen drehte. „Es war wie ein andauerndes Erdbeben“, beschreibt es Ganser. Die Bilder seien von den Wänden gefallen.

Deshalb verlangte die 51-Jährige von der Bahn, das Maß der Erschütterungen zu erfassen. Ein Ingenieurbüro aus Bergheim stellte daraufhin Seismografen im Haus auf. „Auch optische Markierungen wurden angebracht, um Setzungen und Hebungen zu messen“, sagt Pintar. Allein an den Protokollen sei zu sehen: „Wir lagen oft im roten Bereich.“

Keine Frage: Der andauernde Lärm und die Erschütterungen gingen den insgesamt 13 Bewohnern des Hauses gehörig auf die Nerven. Auf der anderen Seite musste die Bahn Rücksicht auf die Leute nehmen, beispielsweise bei Sprengungen, was den Baufortschritt behinderte. Jedoch: „Aus technischen Gründen läuft ein Tunnelvortrieb sieben Tage die Woche rund um die Uhr“, sagt ein Bahnsprecher in Stuttgart. Was in Fällen, wo der Tunnel viele Meter unter den Gebäuden gebaut werde, kein Problem sei: „Bei neun Metern wird es dann aber schon laut.“ So sei auch der rote Bereich bei den Protokollen zu verstehen: Der Lärm sei nicht gut für die Gesundheit.

Schließlich machte die Bahn den Bewohnern ein Angebot. „Wir sollten ins Hotel ziehen“, sagt Pintar. Bis zu 140 Euro pro Nacht für das Doppelzimmer wurden genehmigt. Dazu kam eine tägliche Aufwandsentschädigung von rund 45 Euro pro Person. Von April bis August, insgesamt 70 Tage, lebten das Paar, seine Familie und Mieter wie Nomaden. Tagsüber seien sie zurück ins Haus, um zu kochen, Kleider zu waschen. „Gegen 18 Uhr ging’s wieder ins Hotel.“

Irgendwann fiel den beiden das eine oder andere auf: Etwa, dass quer über dem Küchenfenster Risse entstanden, der Putz fehlte, dass die Fensterschächte sich vom Haus gelöst hatten, Dachplatten lose waren: „Durch die Vibrationen sind die Nasen der Ziegel abgefallen“, weiß Ganser. Auch das Abwasserrohr – es läuft durch die ehemalige Grube – sei auseinandergebrochen. „Und das Wasser drückte in den Keller.“ All diese Schäden hätten sie gemeldet. Eine Zwischen-Beweissicherung sei gemacht worden. Und eben nach Ende der Bohrungen ein Abschlussbericht mit dem oben genannten Ergebnis.

Laut Gutachten ist aber jeder einzelne Schaden entweder auf üblichen Verschleiß, auf Unterhaltsmängel wie bei den Fenstern, auf Frost wie beim Abwasserrohr, auf Wind und Wetter wie beim Dachstuhl sowie vor allem auf falsches Baumaterial und falsche Bauweise zurückzuführen. Die Schäden seien  zudem weitestgehend schon vorhanden gewesen, schreibt der Bausachverständige. Und: Die gemessenen Schwinggeschwindigkeiten durch die Bohrungen seien zu gering, um Schäden zu verursachen.

Ganser zieht an seiner Zigarette. Ein Ingenieur habe den Schaden inoffiziell auf 200.000 Euro geschätzt, sagt er. „Klar, alles kommt nicht vom Tunnelbau. Aber das meiste ist in 2014 entstanden. Schon komisch.“

Wie soll es nun weitergehen? „Wir müssen klagen“, sagt Gordona Pintar, aber klar: Das koste viel Geld und Nerven. Dem Gutachten haben sie vorsorglich widersprochen. Auf die Antwort warten sie noch. Ihre früheren Ansprechpartner bei der Bahn seien nicht mehr erreichbar.

Keine Angaben zur Zahl der gemeldeten Schäden


Recht

Die Bahn erklärt sich im Gestattungsvertrag bereit, die Beweislast im Falle eines Schadens zu übernehmen. Auf Ulmer Gemarkung haben 33 Eigentümer diesen Vertrag unterschrieben. In Stuttgart (etwa 3000) und Ulm sei bislang eine „mittlere zweistellige Zahl“ an Schäden gemeldet worden, so ein Bahnsprecher. Die meisten Verfahren seien noch im Fluss. Uwe Dreiss vom Netzwerk 21, einem Zusammenschluss von Hausbesitzern in Stuttgart, sagt: „Klar haben wir Schäden durch die Vibrationen.“ Das Netzwerk überlege jedoch genau, wie es vorgehe: „Wer klagt, wird es schwer haben.“