Wissenstransfer Wie das Fischerstechen auf den Wasen kam

König und Königin machten den Ulmer Fischern ihre Aufwartung – die Darstellung zeigt das Stechen auf der Donau anno 1818.
König und Königin machten den Ulmer Fischern ihre Aufwartung – die Darstellung zeigt das Stechen auf der Donau anno 1818. © Foto: Stadtarchiv Ulm
Ulm / Henning Petershagen 06.10.2018

Die Ulmer Schifferzunft darf stolz von sich behaupten, vor 200 Jahren ihren Teil zum Gelingen des ersten Cannstatter Wasens beigetragen zu haben. Denn eine der dortigen Hauptattraktionen war ein Stechen der Cannstatter Fischer auf dem Neckar. Doch woher wussten sie, denen dieser Brauch schon lange abhanden gekommen war, wie das geht? Antwort: von ihren Ulmer Kollegen.

Der einzige Hinweis darauf in der Ulmer Überlieferung steckt in einem ewig langen Gedicht des nachmaligen Münsterpfarrers Johannes Moser, verfasst anlässlich des Stechens, das die Ulmer am 10. August 1818 veranstalteten. Es war ein ganz besonderes, denn zum ersten Mal reiste eigens deswegen ein Königspaar nach Ulm: König Wilhelm I. von Württemberg mit Gemahlin Katharina.

Wie es dazu gekommen war, steht in Mosers Gedicht. Darin berichtet ein Weißfischer: „Doch als herauf von ihres Nekkars Strande / Die wakkern Zunftgenossen zu uns kamen, / Das alte Kampfspiel, das so lang geruht, / Auch selber zu beschau‘n und zu versuchen, / Erwachte neu die Lust des alten Festes.“

Die Cannstatter reisten also nach Ulm, um die vergessene Kampftechnik neu zu erlernen. Und die Ulmer Fischer fanden wieder Gefallen an ihrer reichsstädtischen Tradition, die bis Ende 1803 alle zwei Jahre geübt worden war, dann aber außer Mode zu kommen drohte. Mosers Hinweis auf diesen Wissenstransfer bestätigt nun die Stuttgarter Historikerin Senta Herkle. Das königliche Planungsteam habe die Cannstatter Fischer angewiesen, Expertise aus Ulm einzuholen, um ein hochwertiges Stechen zu garantieren, schreibt sie im Geschichtsmagazin „Momente“.

Das Cannstatter Hilfsersuchen hatte den Ulmern schlagartig bewusst gemacht, dass das Fischerstechen das Interesse höchster Kreise gefunden hatte. Sollten sie, die es jahrhundertelang gepflegt hatten, die Show den Cannstattern überlassen? Nein! Da das Stechen in Cannstatt erst Ende September steigen würde, besannen sich die Ulmer auf ihren traditionellen Termin Anfang August. Und gingen aufs Ganze: Sie luden das Königspaar ein. Mit Erfolg:

„Und die wir schüchtern nur gewagt, die Bitte, / Daß unser König und die Königin / Mit ihrer Gegenwart die Feier zierten, / Ward uns von ihrer milden Huld gewährt.“

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