Bau Wie Anwohner und Geschäftsleute die neue Karlstraße finden

Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT ULRIKE SCHLEICHER 03.12.2016

Bamu, Aron und Ari ist egal, wie die Karlstraße aussieht. Am ehesten interessieren die drei Hunde noch die frisch gepflanzten Säulenhainbuchen. Frauchen Pia Rückert hingegen freut sich, wenn die Umbauarbeiten am Mittwoch endgültig abgeschlossen sind: „Die Verbesserung ist schon schön.“ Seit bald 20 Jahren wohnt sie an der Karlstraße, sie kennt die Probleme mit Drogenabhängigen und Jugendlichen, die nachts nach dem Discobesuch randalieren: „Durch die Enge während der Bauzeit ist das noch schlimmer geworden, Sie finden hier ja sämtliche Körpersäfte.“

Ideen der Bürger umgesetzt

Was als Erinnerung daran taugt, dass die Ost-West-Achse jahrzehntelang alles andere war als ein Ort, an dem man sich aufhalten wollte. Die Karlstraße, über weite Abschnitte vierspurig, war ein dreckiger, lauter Durchgang durch die Neustadt. Dass die Fahrstreifen jetzt auf zwei reduziert wurden, die Spuren am kommenden Montag und Dienstag als letzten Schliff noch eine Schicht Flüsterasphalt bekommen, dass mehr als 50 Bäume gepflanzt wurden: All diese Verbesserungen sind Bürgerinitiativen zu verdanken, die ihre Anliegen an die Stadt herangetragen haben. So erzählt es Gerhard Fraidel, Chefverkehrsplaner der Stadt: „Die Straße war recht heruntergekommen.“

Das war einmal, zumindest auf dem Abschnitt zwischen Besserer- und Frauenstraße. „Jetzt sieht alles gepflegt und modern aus, unser Laden passt hier viel besser rein“, lobt Serpil Cicek, die gemeinsam mit ihrer Schwägerin das Brautmodengeschäft „Mi Amor“ führt. Seit drei Jahren sind die beiden in der Karlstraße. Cicek erzählt, dass die Baustelle anstrengend war, aber dass seit dem Umbau mehr Kunden kommen. Sie mag die neue Allee und findet: „Der Verkehr fließt viel besser als früher.“ Auf mehr Laufkundschaft hofft auch Ari Abdelrahman, Friseur im Salon Mega. „Auf jeden Fall ist es jetzt schöner.“ Und Haval Aliismail vom Peschenk Market nebenan, der sich gerade frisieren lässt, ist froh, wenn die Arbeiten vorbei sind: „Seit einem Monat kommt man schlecht an den Laden.“

Fanni und Paul Kneer stehen am Küchenfenster und lauschen. „Man hört fast nichts.“ Sie schauen hinunter auf die Karlstraße, wo sich um 14.30 Uhr bereits der Verkehr von der Neutorstraße zurückstaut. Das ist zwar immer noch nicht das, was sich die Anwohner wünschen, denn: „Nach wie vor haben wir ja eine enorme Feinstaub- und Abgasbelastung hier.“ Aber nach dem Umbau ist es trotz allem schon viel besser geworden, sagen sie. „Ich denke, der Flüsterasphalt macht viel aus“, meint die 87-Jährige.  Sie und ihr gleichaltriger Mann wohnen seit 54 Jahren in dem Haus gleich in der Nähe der Ensingerstraße. Die meisten Nachbarn sind nicht mehr da. Nur die Karlstaße ist geblieben und hat sich im Rhythmus der Zeit geändert.  Sie haben gesehen, wie sie  Ende der 70er Jahre zu einer breiten Autostraße wurde, der viele Bäume zum Opfer fielen. Und wie sie jetzt wieder auf zwei Spuren verengt wurde und Bäume gepflanzt sind. „Das ist wirklich gut geworden.“ Vor allem der breite Mittelstreifen sei prima, weil man „auch ohne Ampel locker über die Straße gehen kann“. Nur, dass noch immer kein Stadtbus fährt, das sollte sich ändern, wünschen sie sich.

Ensingerstraße als Schleichweg

Fast zufrieden ist auch Marco  Abbagnara. Der Geschäftsführer der Pizzeria Pinocchio in der Ensingerstraße kennt das Viertel von Kindesbeinen an und hat vor gut einem Jahr mit der Baustelle gehadert. Damals blockierten Betonwände den Zugang vom nördlichen Teil der Straße. Da, wo viele Geschäfte und Bürogebäude sind „und unsere Mittagsgäste sitzen“. Viele von ihnen hatten den Umweg nicht in Kauf genommen und blieben weg. Das hat sich seit der Freigabe des ersten Bauabschnittes zwar wieder geändert, aber der ewige Stau vor der Ludwig-Erhardt Brücke „behindert uns immer noch, wenn wir unser Essen ausfahren“. Außerdem würden viele Autofahrer die Ensingerstraße jetzt als Schleichweg nutzen. „Das ist nicht so toll.“

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