Ulm / H.-U. THIERER, F. KÖNIG  Uhr
Nebenschauplatz des Straßenbahnbaus: Gleich dutzendweise müssen Werbeanlagen versetzt werden. 2017 wird die Städtewerbung in Ulm derweilen ganz neu aufgestellt. <i>Mit Kommentar von Lokalchef Hans-Uli Thierer: Städtewerbung aus der Steinzeit.</i>

Die Bauarbeiten für die Linie 2 beschäftigen nicht nur die Anwohner am Kuhberg, sondern führen zu Protesten in Handel und Gastronomie in der City. Wie kommt das?

Das Rathaus musste im Zuge der Bauarbeiten für die neue Straßenbahnlinie 55 Werbeanlagen von Wall abbauen – bekannt sind die vitrinen-ähnlichen City-Lights mit wechselnden Plakatmotiven. Für diese Werbeanlagen mussten in Abstimmung mit der Berliner Firma zumindest teilweise neue Flächen zum Aufstellen gefunden werden: in der Innenstadt. Die neuen Standorte stoßen nicht überall auf Beifall.

So haben sich, wie berichtet, das Café Mohrenköpfle und Media Grees in der Kramgasse gegen eine Vitrine gewehrt, die aus ihrer Sicht die wichtige Nordsüd-Achse zusätzlich verbaut hätte. Im Quartier sorgen ohnehin die Baustellen am Ex-Modehaus Jung und nun am Schuhhausplatz für Engstellen. In der Pfauengasse gab es ebenfalls Proteste.

Dort hatte das beauftragte Bauunternehmen anscheinend die falsche Stelle aufgebuddelt, weshalb die Außengastronomie des Café Boem eingeschränkt wurde. Das Rathaus reagierte allerdings prompt auf heftige Beschwerden. Stadtbildpfleger Jörg Schmitz gestand demnach ein, dass diese Werbeanlage an einer nicht genehmigten Stelle hätte installiert werden sollen. Der Standort solle nun um einige Meter versetzt werden. Er bestätigte das Arrangement mit der Wall AG, nach dem für die im Zuge von Linie 2 entfallenden Standorte neue Plätze in der Ulmer City gefunden werden müssten. Diese Ersatz-Standorte muss die Stadt Ulm bis Ende 2017 bereitstellen.

Dies bestätigte Rathaus-Sprecherin Marlies Gildehaus. Der Stadtverwaltung sei es gleichwohl gelungen, die Zahl der Ersatz-Standorte in den Verhandlungen mit Wall zu begrenzen – und zwar auf zwölf. Man habe die neuen Standorte sorgfältig geprüft: „Insofern ist es unwahrscheinlich, dass sich daran noch etwas ändern wird.“ Beim konkreten neuen Aufstellplatz sieht die Stadtverwaltung freilich Spielraum, dies lasse sich „noch etwas variieren“.

So habe man auch auf die Einsprüche in der Kramgasse reagiert und werde den City-Lights-Standort von der ursprünglich vorgesehenen Stelle etwa zehn Meter nach Norden – also in Richtung Münster – verlegen. Am zunächst vorgesehenen Platz wurde das Pflaster zwar bereits entfernt, aber Schmitz versicherte auch im Fall Pfauengasse, man werde die „Wunden“ in der Pflasteroberfläche definitiv wieder schließen.

Offen ist, wie es vom kommenden Jahr an generell weitergeht mit der Städtereklame. Der Hauptausschuss des Gemeinderats hat in nicht-öffentlicher Sitzung eine  europaweite Ausschreibung beschlossen, weil 2017 nach 20 Jahren  der Vertrag mit Wall endet. OB Gunter Czisch sagte, die Vergabe öffentlicher Flächen für Reklamezwecke sei ein komplexes Thema und vergleichbar mit der Vergabe von Konzessionen für Buslinien oder Nutzungsrechten für Netze. „Für uns stellt sich die Frage, ob die Stadt Werbeflächen an eigenen Immobilien wie Toilettenhäuschen oder Haltestellen wieder in eigene  Regie übernimmt.“ Im Übrigen spielten stadtgestalterische Fragen eine Rolle. Der OB: „Es geht um das einheitliche Erscheinungsbild. Oder auch darum,  wo ich große Leuchtreklame haben will und wo nicht.“
 

Das Infomobil ist unterwegs

Rollende Klagemauer  An welchen Ersatzstandorten dürfen  übergangsweise Werbeanlagen aufgestellt werden? Auch dieses eher exotisch anmutende Thema, das speziell in der engeren Ulmer Innenstadt aber einigen Wirbel verursacht hat, kann  vorgebracht werden im Infomobil, das die Stadtwerke (SWU Verkehr) für den Bau der Linie 2  angeschafft und eingerichtet haben und das der Baustellenbeauftragte Werner Reichert betreut. Diese Woche ist die 25., also eine ungerade Kalenderwoche. Dann gelten folgende Termine: Am Mittwoch ist das Infomobil von 13.30 bis 15 Uhr an der Multscher-Schule stationiert, von 16 bis 17.30 Uhr an der Albrecht-Berblinger-Schule. Am Freitag steht es von 7.30 bis 9 Uhr am Parkplatz Ecke Neutor-/Wildstraße. Geschaltet ist außerdem ein Infotelefon (0731) 166 44 66. Mails können gerichtet werden an info@linie2-ulm.de
 

Ein Kommentar von Lokalchef Hans-Uli Thierer: Städtewerbung aus der Steinzeit

Erst mal: Die Verantwortlichen der Stadt Ulm haben rasch, kulant und konstruktiv auf den sich abzeichnenden Unmut mit den Werbeanlagen reagiert. Weil sich niemand gerne den Weg in seinen Laden zustellen lässt, wurden alles in allem offenbar zufriedenstellende Lösungen für viele Einzelfälle gefunden. Unterdessen lenkt die Diskussion auf das andere, das grundsätzliche Thema. An wen vergibt das Rathaus die Städtereklame künftig? Eine europaweite Ausschreibung klärt diese Frage.
Fest steht: So billig wie vor 20 Jahren wird sich Ulm nicht mehr verkaufen. Wall zahlt unseren Informationen zufolge läppische 130 000 Euro im Jahr in die Stadtkasse für das Recht, an aberdutzenden öffentlichen Stellen Werbeflächen anzubieten. Der Vertrag darüber ist zwei Jahrzehnte alt. Er stammt aus der Steinzeit der Städtewerbung. So wie es in im schnelllebigen Heute vorgestrig ist, Konzessionen für die Ewigkeit von 20 Jahren zu vergeben. Entstaubung tut da Not. Die Firma Wall selber ist ja das beste Beispiel für den Wandel: Es ist kein Berliner Unternehmen mehr mit schwäbischen Wurzeln. Wall ist unterm Dach eines französischen Konzerns gelandet. Rücksichtnahmen auf alte Befindlichkeiten sind unangebracht. Angebracht vielmehr: Egoismus im Sinne Ulms.
Wenn OB Czisch mehr Transparenz in die Sache bringen will? Nur zu. Wenn die Stadt Werbeflächen selber vermarktet? Nur zu! Mehr kommunale Mitsprache in der Städtewerbung? Nur zu!