"Ich bin froh, dass ich total frei darüber reden kann." Michael ist Ende dreißig und hat Aids. Fast sein ganzes Leben schon trägt er das HI-Virus in sich. Doch bis er sich seinen Freunden anvertraut hat, hat es lange gedauert: Als Kind hatten ihm die Ärzte immer wieder eingeschärft, niemandem von seiner Krankheit zu erzählen, weil er sonst von der Schule fliegen könnte. Was einem Bekannten Michaels tatsächlich passiert ist.

Er selbst hatte als junger Mann mehr Glück. Mit 21 hat Michael zum ersten Mal Freunden erzählt, dass er HIV-positiv ist: "Ich hab' nur gute Erfahrungen gemacht." Aber er weiß, wie groß der psychische Druck sein kann. Deshalb engagiert er sich in der Ulmer Aids-Hilfe. Der gemeinnützige Verein berät und betreut nicht nur HIV-Infizierte, sondern auch Menschen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

In diesem Jahr hat die Aids-Hilfe 127 Klienten beraten, sagt Sozialpädagoge Bernhard Eberhardt. Oftmals würden Infektionen zu spät erkannt, weshalb der Verein neben Präventionsveranstaltungen regelmäßig anonyme Tests auf HIV, Syphilis, Tripper, Chlamydien, Hepatitis B und Hepatitis C anbietet - ein Angebot, dass in diesem Jahr schon rund 200 mal genutzt worden ist.

In den Wochen vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, der dieses Jahr unter dem Motto "Positiv zusammen leben" stattfindet, informiert die Aids-Hilfe in der Stadt wieder mit vielen Veranstaltungen und Aktionen über die Krankheit. So gab es bereits eine Fortbildung für Zahnärzte - denn obwohl behandelte Aidskranke in der Regel nicht infektiös sind, hätten sie oftmals Schwierigkeiten, einen entsprechenden Arzt zu finden, erklärt Vorstand Dietmar Braun.

"Dabei geht die viel größere Gefahr von Unwissenden aus." Von Menschen also, die nichts von ihrer Infektion wissen. In Deutschland sind das aktuell etwa 14.000 von insgesamt rund 80.000 Menschen mit HIV, schätzt die Deutsche Aids-Hilfe. Im vergangenen Jahr gab es etwa 3200 Neuinfektionen. Zwar ist die Zahl seit Jahren stabil, allerdings: Bei den 25- bis 35-Jährigen gab es 2014 die höchsten Zuwachszahlen, sagt Braun: "Da gibt es ein erschreckendes Unwissen."

Diese Generation habe die schlimmste Zeit in den 1980er Jahren nicht erlebt, erklärt Bernhard Eberhardt. "Bei denen ist nicht der halbe Freundeskreis verstorben." Außerdem würden Männer, die Sex mit anderen Männern haben, immer jünger, weil man heute seine Sexualität eher ausleben könne. Sie haben nach wie vor das höchste Ansteckungsrisiko. Trotzdem wird Aids von vielen anscheinend nicht mehr als so bedrohlich empfunden wie früher - auch wegen der heute viel besseren Behandlungsmöglichkeiten, die auch chronisch Kranken ein langes Leben ermöglichen.

Von denen profitiert auch Michael. Mit dem HI-Virus ist er als Kind infiziert worden, bei der Behandlung seiner Bluterkrankheit. Die benutzte er in der Schule oft als Vorwand, wenn er mal wieder ins Krankenhaus musste. Bis zu 26 Tabletten musste er früher nehmen, genau auf Essen und Trinken achten. Inzwischen sind die Medikamente verträglicher geworden, und Michael sagt: "Heute lebe ich damit sehr gut - und wieder mehr für mich."

Info Am 28. und 29. November informiert die Ulmer Aids-Hilfe zum Welt-Aids-Tag mit einem Infostand in der Fußgängerzone. Alle Aktionen im Internet: www.aidshilfe-ulm.de