Spurensuche Was von Albert Einstein in Ulm übrig blieb

Ulm / Rudi Kübler 29.05.2017
Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein ist in Ulm geboren, er lebte 15 Monate in der Bahnhofstraße 20. Die Stadt trägt schwer an diesen 15 Monaten.

Einstein und Ulm. Bei Google ergibt das: 458.000 Ergebnisse in 0,46 Sekunden. Wo anfangen bei diesem Wahnsinn? Gehen wir davon aus – sprich: davon geht  Google aus –, dass Treffer Nummer eins der bedeutendste ist, dann landen wir „im Herzen Ulms“, im Café Einstein und bei Thomas Bauer. Nun denkt man beim „Herzen Ulms“ nicht unbedingt an die Bastei­straße; wer aber gut frühstücken will, sollte das Einstein, das Bauer mit seiner Frau Manuela seit fast drei Jahrzehnten betreibt, auf der Rechnung haben. Ohne Reservierung geht gar nichts, bis zu 700 Gäste an einem Sonntagmorgen zeigen: Raum und Zeit sind für die Bauers kein Problem. „Die Laufleistung ist enorm“, sagt Thomas Bauer, der sich schon überlegt hat, die Theke zu verlegen. Des kürzeren Wegs wegen. Die Formel ist relativ einfach: Raum = Zeit = Geld. Da braucht er keine Promotion in Physik, da reicht ein BWL-Studium. Aber warum ist das Einstein nach dem Nobelpreisträger benannt? Diese Frage beantwortet seine Frau, sie hatte die Idee: „Wir suchten nach einem Namen, der einen Bezug zu Ulm hat. Der Name sollte Weltoffenheit signalisieren.“ So einfach ist das. Fotos von Einstein an den Wänden, eine Büste  mitten im Raum – und auf der Karte der Einstein-Burger. Aber war Einstein nicht Vegetarier? Bauer schaut geschätzte 0,46 Sekunden lang konsterniert – und antwortet schlagfertig: „Okay, wir haben auch vegetarische Gerichte.“

Das Geburtshaus

Jahrzehntelang spielte der relative Ulmer keine große Rolle in der Stadt. Doch dann, im Herbst vergangenen Jahres, überschlugen sich die Ereignisse mit der Aushebung der Baugrube für die Sedelhöfe. Der Keller, die Mauer, die Steine. Stadträte waren elektrisiert, vereinzelt wurden Fälle von Schnappatmung diagnostiziert, als die Fraktionen der Sensation gewahr wurden: Hier schlug das Herz Einsteins. Hier, in der Bahnhofstraße 20, kam der spätere Nobelpreisträger zur Welt. Hier lebte er vom 14. März 1879 bis zum 21. Juni 1880. Ein Antrag jagte den anderen. Erhalten? Auf jeden Fall und am besten „in situ“, wie der Archäologe sagt, an Ort und Stelle. Einstein, der große Sohn, nein, der größte Sohn der Stadt, geboren ausgerechnet dort, wo die Sedelhöfe entstehen sollten. Das Gedenken an den Popstar der Physik wurde plötzlich groß geschrieben. Ganz groß. GEDENKEN!

Die Steine aus dem Einsteinschen Keller

Viel Lärm um Einsteins Steine. Oder: Was für ein Humbug! Auf der einen Seite ja. Sagt Joachim Ankerhold. Als Quantenphysiker ist er jeglicher romantischer Anwandlung unverdächtig, ganz nüchtern stellt er fest: Es handelt sich um alte Backsteine. Auf der anderen Seite sagt der Vizepräsident der Uni Ulm: Die Steine aus dem Einsteinschen Keller regten die Phantasie der Menschen an, sie identifizierten die Mauerreste mit Einstein. „Wenn wir Chinesen erzählen, dass die alten Steine aus dem Geburtshaus Einstein stammen, sind sie begeistert.“ Dass Ankerhold von Chinesen spricht, kommt nicht von ungefähr: Erst neulich hielt der Physiker einen Vortrag in Peking, er erklärte zunächst, woher er kommt. Das macht er immer so, weil sich Ulm, na ja, beim besten Willen nicht von selbst erklärt. Ulm – das ist für Ankerhold der Dreiklang aus Eiszeitkunst, Münster und Einstein. Und bei Einstein merken immer alle auf, nicht nur Physiker. Die Backsteine auf der Müllhalde der Geschichte zu entsorgen, hält er für keine gute Idee.

Ja, wo sind sie denn, die Steine? Abtransportiert in den Baubetriebshof. Die Mitarbeiter schauen den Besucher leicht befremdet an. Steine besichtigen? Steine, die in Kisten liegen? Ja, wie verrückt ist das denn! „Da vorne links, dann immer geradeaus, an der neuen Halle vorbei. Rechts, im hintersten Eck, da sind die Kisten.“ In der Tat, da stehen die Reste von Einsteins Ulmer Geschichte, verpackt in Kisten. 48 an der Zahl. Darin rote Backsteine, an vielen klebt noch der Speis. Was man damit letztlich macht, entzieht sich der Kenntnis von Markus Ellenrieder. Ob die Steine stadthistorisch von Belang sind? Einstein lebte ja nur 15 Monate hier, „und das waren nicht die 15 bedeutendsten Monate seines Lebens“, sagt der Abteilungsleiter Baubetriebshof. Er kann sich allerdings schon vorstellen, dass die Steine touristisch vermarktet werden, „vielleicht als Erlebniseinkaufen in den Sedelhöfen. Das könnte nicht nur Chinesen interessieren.“ Schon wieder die Chinesen ...

Der Einstein-Brunnen

Aber auch die Spanier suchen nach Albert Einstein. Vor dem Zeughaus hat ein älteres Ehepaar den Brunnen entdeckt. Einstein-Fountain – so heißt das auf dem Stadtplan. Der Mann schüttelt den Kopf. Fountain? It’s not a fountain anymore. Kein Wasser plätschert hier. Die Frau fotografiert die Einstein-Plastik, die den Physiker zeigt, wie ihn wohl die meisten Menschen kennen: mit herausgestreckter Zunge. Der Sinsheimer Künstler Jürgen Gortz hat das Werk 1984 geschaffen. Die Spanier tun einem fast leid, denn: Viel macht der Brunnen, der keiner mehr ist, ja nicht her.

Der „Engländer“

Ortswechsel oder: Was von Einstein übrigblieb. Der „Engländer“ ist die größtmögliche Annäherung räumlicher Art an Albert Einstein. Sein Geburtshaus in der Bahnhofstraße ist ja in der Bombennacht des 17. Dezember 1944 zerstört worden; ein Foto mit den Trümmern des Hauses wurde dem Physiker 1949 zugeschickt. Einstein antwortete daraufhin: „Die Zeit hat ihm noch erheblich ärger mitgespielt als mir.“ Jetzt also zum „Engländer“, dem Haus, das im Leben der Familie Einstein eine wichtige Rolle spielte. Hier wohnte nicht nur Helene Einstein, die Großmutter Alberts, die, so ist überliefert, über den Enkel nur wenig erfreut war: „Viel zu dick, viel zu dick.“ Helene und ihr Mann Abraham sind auf dem Alten Friedhof begraben. Im „Engländer“ arbeitete auch Albert Einsteins Vater Hermann. Er war Mitinhaber der Bettfedernfabrik, die im Erdgeschoss und im zweiten Stock produzierte. Auch Albert Einsteins Onkel August hatte in dem Gebäude kurzzeitig einen Laden: ein Damenkonfektionsgeschäft. „Die unternehmerischen Aktivitäten der Familie Einstein waren nicht von Glück gesegnet. Sie war nicht sehr geschäftstüchtig“, vermutet Dorothea Hemminger, die vor ein paar Jahren mit dem Europa-Büro der Stadt Ulm in den „Engländer“ gezogen ist. Weil sie historisch interessiert ist, hat Hemminger gemeinsam mit Dr. Christoph Rieber die Geschichte des Hauses aufgearbeitet. Immer wieder kommt Neues hinzu und wird beim „Tag des offenen Denkmals“ der Öffentlichkeit präsentiert. So haben sie jüngst herausgefunden, dass Albert Einstein als Erwachsener wohl im Oktober 1913 in Ulm war. Er habe Verwandte in Ulm besucht, schreibt er Elsa Löwenthal, seiner Cousine, die er 1919 in Berlin heiraten sollte, in einem Brief. „Von diesem Aufenthalt wusste man vorher nichts“, sagt Hemminger. Und die Steine? Sie schaut etwas indigniert: „Inhalte sind wichtiger als das Fundament eines Kellers.“

Die Einstein-Hommage E = mc2

„Hört doch auf mit diesem Hype, der hat hier nur die Windeln gewechselt.“ Sagt Ralf Milde. Dass die Stadt etwas unternehmen müsse, sei klar, „die Stadt hat ja die letzten Jahrzehnte nichts gemacht“. Aber die Dreckssteine aus dem Keller holen und ausstellen, ob das der Weisheit letzter Schluss sei, bezweifelt der Kulturmacher und Stadtrat, der 2004 bei den Aktivitäten zum 125-jährigen Geburtstag mit einer Einstein-Hommage E = mc2 beteiligt war: Zwei bunte Betonskulpturen machten damals auf die Einstein-Ausstellung im Stadthaus aufmerksam. Seine Meinung: Zeit lassen, ein Konzept überlegen, „das nächste Jubiläum ist erst 2029“. Vielleicht könne man dann die Chinesen durch die Stadt schicken mit der Frage: Wo ist Einstein? Ja, die Chinesen ...

Wir hätten da noch einen Inder. Alok J. Navik heißt der junge Mann, er ist Dorfschullehrer und absoluter Einstein-Fan. Die Verehrung für den großen Meister ging so weit, dass er ein Einstein-T-Shirt gestaltet hat. Das Leben des Nobelpreisträgers in bunten Bildern und Formeln. Das T-Shirt ist schlicht: der Wahnsinn. Und dann gibt es noch einen kleinen runden Teppich mit Einstein-Konterfei, ebenfalls ein grandioses Kunstwerk, den eine Kursteilnehmerin der Ulmer vh geschenkt hat. Beide Exponate hält vh-Leiterin Dagmar Engels in Ehren, mal sehen, was sie damit anstellt, nächstes Jahr hat das EinsteinHaus Jubiläum. Chinesen kann Engels übrigens auch bieten, sie irren gemeinsam mit US-Amerikanern und Japanern durchs Haus – auf der Suche nach dem Geist von Einstein. Wo ist sein Bett? Wo die Küche? Damit kann Engels nicht dienen, aber mit einer Biografie in Bildern. „20 Touristen pro Tag sind es bestimmt, die die Einstein-Fotoausstellung im ersten Stock anschauen.“

Karl Keinstein führt Gäste durch die Stadt

Perücke auf, Bart dran. Fertig ist der Einstein. Nein, nein, nein, „ich sehe nur so aus“, sagt Karl Höb alias Karl Keinstein. Wenn er als Gästeführer mit wirrem Haar und dem Geigenkoffer in der Hand durch die Straßen und Gassen geht, zieht Keinstein die Blicke auf sich. Guck mal! Mensch, der Einstein! „Ja, der Einstein ist nicht niemand, der Mann fasziniert mich“, sagt Höb, der sich für die Idee eines Science Centers begeistern kann. Betrachte man Zeit und Raum, dann könne man die 15 Ulmer Monate vernachlässigen, sagt der Gästeführer. Aber: Einstein hat hier in Ulm seine erste Sozialisation erfahren, „in einem schwäbischen Haushalt“. Und: Einstein hat sich stets zu seiner Geburtsstadt bekannt, sagt Höb und verweist auf ein Schreiben des Physikers an die Ulmer Abendpost im Jahr 1929. „Die Stadt der Geburt hängt dem Leben als etwas ebenso Einzigartiges an wie die Herkunft von der leiblichen Mutter. Auch der Geburtsstadt verdanken wir einen Teil unseres Wesens.“

Die „Windfahnenstraße“

Die Einsteinstraße. Ach ja. Schön ist sie nicht. Einstein selber schrieb einmal, er sei ja nicht verantwortlich für das, was in ihr geschehe. Die Nazis tilgten den jüdischen Physiker aus dem Straßenbild. Als die Straße nach 1945 wieder umbenannt wurde, soll Einstein die Bezeichnung „Windfahnenstraße“ vorgeschlagen haben. Ob dem so war? Vielleicht ja, vielleicht nein, sagt Stadtarchivleiter Prof. Michael Wettengel. „Dieser Satz ist nicht belegt, auch nicht in dem Einstein-Brief, den die Stadt Ende 2016 aufgekauft hat.“

Das Denkmal

Nochmals zurück in die Bahnhofstraße, zum Denkmal, das an Einstein erinnern soll. 24 Granit-Quader, die sich beim besten Willen niemandem erschließen. Joachim Ankerholds Urteil: „eine seltsame Skulptur“. Was haben die hier gemacht mit dem guten Einstein? Das Thema sei vollkommen unterspielt, das Erbe Einsteins vernachlässigt. Ankerhold, der stellvertretender Vorsitzender des Vereins der Freunde eines Albert-Einstein-Museums ist, hält die Idee für charmant, auf der einen Seite den Naturwissenschaftler zu präsentieren. „Er hat Visionäres auf den Weg gebracht, ohne ihn gäbe es beispielsweise kein GPS.“ Einsteins Theorien seien kein „Buch mit sieben Siegeln“, man müsse den Leuten nur vermitteln, dass sie in Alltagsprodukten Anwendung finden. Auf der anderen Seite: Einsteins kurze Verweildauer in Ulm sei kein schlagendes Argument. „Er ist hier geboren, hat hier gelebt. Der familiäre Kontext und das jüdische Leben prägen den Geist.“ Außerdem: Einstein war kein Typ für den Elfenbeinturm, er hat gesellschaftspolitisch Stellung bezogen, er war überzeugter Pazifist, sagt Ankerhold. „Einstein ist eine faszinierende Persönlichkeit über die Physik hinaus.“

Das wäre jetzt ein gutes Schlusswort, aber da ist noch Ingo Bergmann, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Repräsentation der Stadt Ulm. „Wir müssen wegkommen von dem Gejammer, dass er nur 15 Monate in Ulm war“, sagt er. Wie Ankerhold so will auch Bergmann die Geschichte der Ulmer Juden im Allgemeinen und die Geschichte der Familie Einstein im Besonderen betonen. Was hat Bern schon? Eine Wohnung, in der der Physiker gearbeitet hat. Und Princeton? Die Uni dort besitzt Einsteins Gehirn, beziehungsweise 240 Hirnschnitte, die der Pathologe Thomas Harvey gestohlen hat und die nach langer Odyssee erst 1998 wieder an die Elite-Uni zurückgekehrt sind. Eine Option für Bergmann: ein Museum  im Erdgeschoss des „Engländer“, eines, das sich mit Einstein und dessen familiärem Umfeld befasst. Aber: „Wenn wir uns für ein Museum entscheiden, muss das peng machen.“

Ein Hund namens Einstein

Statt peng: wuff! Dieser Australian Shepherd ist in Ulm-Lehr zuhause und hört auf den Namen: Einstein. Warum Einstein? Weil ... na, schauen Sie ihn doch an! Ein Tipp: nein, nicht die Augen ...

Der Popstar der Wissenschaft – Stationen seines Lebens

1879 Geburt am 14. März in Ulm.
1880 Umzug der Familie im Juni nach München.
1894 Abgang vom Gymnasium ohne Abschluss.
1896 Studium an der ETH Zürich.
1900 Diplom, Hilfslehrer.
1903 Heirat mit Mileva Maric.
1905 Dissertation, Arbeit über die „Spezielle Relativitätstheorie“ mit der Formel E=mc2.
1911 Professur an der Uni Prag, dann an der ETH Zürich und an der Berliner Universität.
1915 Arbeit über die Allgemeine Relativitätstheorie.
1922 Nobelpreis in Physik.
1925 Manifest gegen die Wehrpflicht.
1933 Entzug der deutschen Ehrenbürgerrechte, Austritt aus der Akademie der Wissenschaften, Aufenthalt in Princeton.
1939 Unterschrift unter den Appell an  Roosevelt, den Bau einer Atombombe zu fördern. Der größte Fehler in seinem Leben, wie er später sagt.
1952 Absage, das ihm angetragene Amt des Staatspräsidenten von Israel zu übernehmen.
1955 Tod 18. April in Princeton.

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