Schwörrede Was von Czischs erster Schwörrede erwartet werden darf

Ulm / HANS-ULI THIERER 16.07.2016
Premiere für Gunter Czisch: Der neue Ulmer OB hält seine erste Schwörrede. <i>Ein Leitartikel von Hans-Uli Thierer</i>.

Und Geschichte wiederholt sich doch. „Schwörmontag ist am Vormittag der Tag des Ulmer Oberbürgermeisters. Das neue Stadtoberhaupt  wird seinen ersten Rechenschaftsbericht ablegen, der zu drei Vierteln die Bilanz seines Vorgängers ist. Schließlich  ist der Neue erst seit gut einem viertel Jahr  im Amt. Die Frage: Welche programmatischen Schwerpunkte setzt er? Wie lauten seine Botschaften?“

So stand es an dieser Stelle vor 24 Jahren.  Und als sei es die Blaupause: Was damals galt nach dem Amtswechsel von Ernst Ludwig (CDU) zu Ivo Gönner (SPD), gilt nun wieder, nachdem Gunter Czisch  (CDU) Gönner beerbt hat.

Etwas leichter als damals fällt die Prognose, was Czisch in seiner Jungfern-Schwörrede wohl sagen wird. Vorab: Er hat einen passablen Start hingelegt. Er mischt sich unters Volk, will Menschen nah sein, um das als Finanzbürgermeister erworbene Image des kühlen Kalkulators  vergessen zu machen. Seine ersten Ratssitzungen hat Czisch in einer Mischung aus intimen Kenntnissen der Verhältnisse und souveräner Gelösteit gemeistert. Er durfte in dieser Anfangsphase mehr Erfolge verkünden als Rückschläge.  Der einzige war, dass die Teststrecke für autonomes Fahren nach Karlsruhe abwandert. Auf der Habenseite aber steht unter anderem, dass er die von ihm schon als  Kämmerer forcierten Sedelhöfe vollends in trockene Tücher gepackt hat. Und auch, dass Ulm im Bundeswettbewerb „Zukunftsstadt“ die vorentscheidende Runde erreicht hat.

Dies gelang mit einem Konzept zur Digitalisierung von Stadt und Stadtgesellschaft. Das ist eine Herzensangelegenheit dieses neuen Oberbürgermeisters, der beim sperrigen Thema IT und neue Meiden vollkommen anders tickt als sein Vorgänger. Gewiss wird Czisch sich dazu vom Schwörbalkon herunter äußern. Ansonsten ist zu erwarten, was er vor und seit dem Amtsantritt schon beinahe gebetsmühelhaft verkündet: Freunde, wir haben so viel vor, lasst uns das alles erst mal erledigen, ehe wir uns großem Neuen  widmen.

Ein OB steht unter Beobachtung. Ein Ulmer OB vor Schwörmontag erst recht. Diese Draufblicke potenzieren sich, wenn es die Schwörmontags-Premiere ist. Für Gesprächsstoff hat gesorgt, dass der neue OB sich am Donnerstag als Beifahrer in einem Oldtimer an die  Spitze der Donau Masters gesetzt hat. Das sorgt für Getuschel – und drei Betrachtungsweisen:

Die Gelassene. Sie gönnt ihm einen solchen verkürzten Abstand von Ulm. Er endet für ihn nicht in Budapest, sondern donauaufwärts in Bratislava, so dass Czisch am Samstag in Ulm zurück erwartet wird. Schließlich hat der Mann 80-Stunden-Wochen hinter sich, wie er nicht vergisst gerne zu erwähnen.

Die Bewundernde. Sie attestiert ihm Nerven wie Drahtseile, wenn er so kurz vor seinem wichtigsten Tag eine Vergnügungsfahrt antritt.

Die Kritische. Sie besagt, dass es überhaupt nicht geht, Ulm so kurz vor Schwörmontag auch nur einen Moment zu  verlassen und aus den Auge nzu lassen.

Am Ende wird sich jeder Ulmer seinen eigenen Reim darauf machen. Am Montag um zwölf wird dies eh vergessen sein. Dann liefert Czischs Jungfernrede neuen Gesprächsstoff. Und danach sind eh die Leinen los. An einem hoffentlich unfallfreien, heiteren, ausgelassenen und wieder ein bisschen anarchischen Stadtfeiertag.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel