Ulm Was passiert mit überschüssiger Ware?

Ulm / LYDIA BENTSCHE 10.02.2012
Tausende Auslaufmodell-Handys, hunderte Paletten Schoko-Nikoläuse nach Weihnachten, Kleidung, die auch zu reduzierten Preisen keiner will. Wo landet überschüssige Ware?
Ganz frisch ist es nicht mehr, das Brot, Obst und Gemüse, das in den Regalen liegt. Aber günstig. Darüber sind alle froh, die wenig Geld haben und im Ulmer Tafelladen einkaufen dürfen. "Wir holen die Produkte für unsere sechs Tafelläden selbst ab", sagt Sabine Wegerer, stellvertretende Leiterin in Ulm. Von etwa 90 Adressen: Supermärkten, Bioläden, Discountern, Bäckern. Sie geben Ware ab, deren Haltbarkeit bald abläuft. Hauptsächlich Lebensmittel, selten sind Körperpflegemittel oder Tiernahrung dabei.
 
Sowohl die Supermarktkette Kaufland als auch die Alnatura Bio-Supermärkte, die Filialen in Ulm betreiben, spenden Überschüssiges an Tafeln oder soziale Initiativen. Viel gebe es aber nicht, denn Erfahrungswerte würden zeigen, wie viele Waren in Filialen täglich benötigt werden. Außerdem würden die Preise von Lebensmitteln reduziert, bevor das Haltbarkeitsdatum erreicht ist, berichten die Pressesprecherinnen.
 
Nicht nur bei Händlern, auch bei Herstellern bleiben Lebensmittel manchmal übrig. Einmal pro Woche öffnet etwa die Firma Settele in Neu-Ulm ihre Türen für die Mitarbeiter der Tafel. An die 200 Kilogramm Maultaschen, Spätzle oder Knödel nehmen diese jedes Mal mit. Natürlich als Spende, der soziale Aspekt zählt, sagt Geschäftsführer Erwin Settele. Dass die Firma etwas Überschüssiges geben kann, erklärt er so: "Wenn in jeden Karton zum Beispiel sechs Beutel passen, aber fünf übrig bleiben, können wir sie nicht mit Ware des nächsten Tages zusammenpacken." Denn dann wären verschiedene Mindesthaltbarkeitsdaten in einem Karton.
 
Auch das Ulmer Unternehmen Seeberger verschenkt abgepackte Trockenfrüchte und Nüsse an die Tafel. "Doch das kommt sehr selten vor", sagt Marketingleiter Joachim Mann. Manchmal gebe es Produkte, die noch wenige Monate haltbar seien oder etwa einen portugiesischen Aufdruck hätten. Meist seien die Mengen jedoch so klein, dass sie in einen Mitarbeiterverkauf kämen, erzählt Mann. "Die Ware zu Schleuderpreisen an Sonderposten-Firmen weiterzugeben, ist für uns ausgeschlossen. Wir wollen unsere Marke nicht beschädigen."
 
Den Wert ihrer Marken zu wahren, ist auch Herstellern und Händlern von Bekleidung enorm wichtig. Sandra Volz aus Pforzheim ist Unternehmensberaterin für den Textilhandel. Sie hat das Buch "Wohin mit der Altware? – Möglichkeiten der Vermarktung von Warenüberhängen im Modehandel" geschrieben. Selbst nach Rabattaktionen, Outlet- und Zeltverkäufen von Herstellern oder Händlern bleiben Kleidungsstücke übrig. Denn: "Ein Drittel des Marktvolumens ist zu viel", sagt Volz. Also kommt der "vielschichtige Markt, der die Ware aufnimmt und weiterveräußert", ins Spiel. Großhändler oder bar bezahlende Kleinhändler kaufen die Artikel auf und verkaufen sie weiter.
 
Manchen Firmen ist dabei wichtig, dass die Etiketten unkenntlich gemacht oder entfernt sind, erklärt Volz. Andere wollen, dass ihre Produkte nicht mehr auf dem deutschen Markt verkauft werden. Vieles geht nach Osteuropa, weil Marken dort sehr beliebt sind und die Marke oftmals mehr zählt als die Neuheit des Produkts, weiß Volz. Vertragliche Grundlagen würden regeln, dass die Kleidung nicht in falschen Kanälen landet. So dürfe etwa die Markenjeans nicht beim Discounter zum Billigpreis angeboten werden.
 
Auch auf Online-Plattformen werden Klamotten angeboten, denn E-Commerce ist lukrativ, sagt Volz. Entweder in großem Stil von Unternehmen zu Unternehmen oder direkt an Endverbraucher. Beides bietet restposten24.de an – für seine 30.000 registrierten Händler, in 80 Ländern, in zehn Sprachen. "Die meisten Produkte kommen aber aus dem Elektronikbereich", erklärt Johanna Filler von Restposten 24 im hessischen Ginsheim-Gustavsburg. Es gebe Handys, PCs, Fernseher, aber auch kleine Kabel oder Smartphone-Ständer.
 
Palettenweise Restposten von Unternehmen oder hunderte Produkte, die vor Geschäftsauflösungen nicht verkauft werden konnten, fänden über restposten24.de neue Abnehmer. "Es kann auch sein, dass jemand aus China 20.000 Teile importiert, obwohl sein Händler nur 10.000 abnimmt. Denn große Mengen zu nehmen ist oft viel günstiger", nennt Filler ein anderes Beispiel. "Die übrigen 10.000 werden dann online vertrieben." Wer sie kauft? "Zum Beispiel jemand, der ein Geschäft eröffnen möchte. Als Starthilfe."
 
Um Restposten, Ladenhüter und überschüssige Saisonware im Wert von sechs- bis siebenstelligen Euro-Beträgen kümmert sich Active International, ein US-Unternehmen mit deutscher Niederlassung in Düsseldorf. "Wir übernehmen von unseren Kunden Bestände zum vollen Buchwert, obwohl der Marktwert darunter liegt. So vermeiden sie hohe Abschreibungsverluste", erklärt Geschäftsführer Christian Kirschbaum. Das heißt: Die Firma kauft etwa Schokoladen-Nikoläuse nach Weihnachten, laut trötende Vuvuzelas nach der Fußball-WM in Südafrika oder Fanartikel zu einem Film, der nicht mehr in den Kinos läuft.
 
Wer kann diese Dinge noch gebrauchen? Mindestens einer der 300 Vertriebspartner von Active International aus dem Groß- oder Einzelhandel oder von Internet-Plattformen. "Die Ware ist vermarktbar, wir kaufen nicht die Katze im Sack", sagt Kirschbaum. Und ob die Händler dann wirklich alles loswerden? "Ich gehe davon aus, sonst würden sie es bei uns ja nicht kaufen."
 
Die Namen der mehr als 100 Kunden in Deutschland nennt der Geschäftsführer nicht: "Wer auf Altbeständen sitzt, möchte das natürlich nicht publik machen." Er verrät aber, dass die meisten Mittelständler sind und es auch einige Kunden in Baden-Württemberg gibt. Für ihre überschüssige Ware bekommen sie kein Geld, sondern Handelsgutschriften.
 
Mit diesen können sie anteilig Dienstleistungen wie Druckaufträge, Werbekampagnen oder Hotel-Übernachtungen bezahlen, die Active International ihnen vermittelt, erklärt Gerhard Erning, der für die Bereiche Media und Marketing zuständig ist. "Diese Ausgaben hätten unsere Kunden ohnehin. Ein Kunde aus der Parfümbranche hat einen Teil seines Zeitschriften-Werbebudgets in Höhe von 3,5 Millionen Euro mit Gutschriften bezahlt." Corporate Trading nennt sich das Geschäftsmodell: Überschusswaren gegen Dienstleistungen.
 
Nicht viele Firmen und Händler erhalten den vollen Marktwert für ihre Ladenhüter. Manche sogar überhaupt nichts. "Verbrennen", sagt Textil-Unternehmensberaterin Volz, sei manchmal die letzte Stufe für überschüssige Kleidung.
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