Eigentlich verwunderlich, dass dieses Stück nicht zur Weihnachtszeit auf dem Spielplan stand – und das nicht nur, weil zu Beginn Schneeflocken auf die Bühne rieseln. „Wie im Himmel“, das jetzt Premiere am Theater Ulm hatte, verströmt geradezu adventliche Stimmung. Denn da geht es um Zusammenhalt und Vergebung, um warme Gefühle und erkaltete Seelen, und natürlich um ihre Erlösung, wenn schon nicht im Glauben, so doch in der Gemeinschaft und in der Musik.

Das ist der Stoff, mit dem der gleichnamige skandinavische Film im Jahr 2005 eine Oscarnominierung als bester fremdsprachiger Film erhielt. Was damals auf Leinwand funktionierte, funktioniert auch auf der Bühne. Das gefühlige Drama um den ausgebrannten Dirigenten Daniel Daréus, der in seinen Heimatort zurückkehrt und dort mit der Macht der Musik die Herzen öffnet – inklusive seines eigenen –, bekam Szenenapplaus und Standing Ovations. Wer sich zwei Stunden lang einfach wohlfühlen will, ist hier richtig, Freunden literarischer Komplexität sei eher abgeraten.

Um den Publikumszulauf wird man sich wohl schon deshalb nicht sorgen müssen, weil Regisseurin Cordula Jung das Thema der Sängergemeinschaft in die Realität hinein erweitert hat. Mehrere Ulmer Chöre sind beteiligt, Mitglieder von Sacrapella, Hope-Chor, Oratorienchor und den St. Georgs Chorknaben (als musikalischer Leiter mit Liebe beklatscht: Girard Rhoden) stoßen zum kleinen Chor des Schauspieler-Ensembles, um beim Finale den ganzen Publikumsraum mit ihren Stimmen einzuhüllen. Ein wirklich warmer Theatermoment.

Was den Klang angeht, gibt es auch am singenden Schauspielerensemble gar nichts zu meckern. Tini Prüfert als geprügelte Ehefrau Gabriella macht ihren befreiten Gabriella-Song gut, und mit einem Spiritual wie „Down by the Riverside“ hat man die Zuhörerschaft sowieso auf seiner Seite. Obwohl keineswegs durchgängig gesungen wird, liegt der Fokus klar auf der musikalischen Gemeinschaft.

Nicht umsonst hat Britta Lammers ein Sängerpodest ins Zentrum der Bühne gestellt – der Gegenspieler des freisinnigen Musikers Daniel (Jörg-Heinrich Benthien) muss sich mit einem Lichtkreuz an Brettern als zeichenhaft angedeutete Kirche am Rand  begnügen. Wilhelm Schlotterer gleicht das als Pfarrer Stig mit gewohnter Souveränität und seinem Talent für Kälte mehr als aus; Benthien wirkt dagegen fast etwas zu introvertiert in seiner Rolle als hustendes, geschwächtes Musikergenie. Kleine, feine Nebenereignisse liefern Gunther Nickles als leutseliger Macher Arne und Dan Glazer, der dem behinderten Tore seine ganze darstellerische Sorgfalt widmet.

Die Übersetzung vom Film ins Theater hat indes ihre Tücken: Rückblenden, Schnitte, das geht hier alles nicht so fix und komfortabel, und so gewinnen die Schicksale der Figuren – „jede Stimme ist wertvoll“ – nicht dieselbe Tiefe. Julia Baukus  etwa, die vordergründig so fröhliche, rosa bestrumpfte Lena, hat schlicht nicht genug Raum, um ihre Verletzungen plausibel zu machen.

Weshalb der Abend bei all seiner situativen Komik auch mal ins arg Betuliche abdriftet. Die Party im Gemeindehaus etwa hat ungefähr soviel orgiastische Sprengkraft wie der selbstgebackene Frankfurter Nusskuchen in der Plastikbox. Man muss schon ein hartgesottener christlicher Fundamentalist sein, um darin Sünde zu wittern – der verhärtete Pfarrer Stig aber kreuzigt seine Frau Inger (Susanne Weckerle) schier für ihr Tänzchen im Unterhemd. Die erste, die einzige leidenschaftliche Liebesnacht in 20 Jahren Ehe will der verklemmte Kleriker noch ungeschehen machen; härter kann man eine Frau kaum treffen, doch die Szene wird hier bedauerlicherweise etwas verschenkt.

Dennoch: Wie Daniel Daréus und seine Sänger einander lieben, so liebte das Premierenpublikum dieses Stück. Die Menschen mit Musik zu erreichen, das hatte der Dirigent sich gewünscht, und er darf glücklich sterben.

Nächste Aufführungen

Termine „Wie im Himmel“ ist wieder zu sehen am Mittwoch, 25. Mai, 20 Uhr, Freitag, 27. Mai, 20 Uhr, Sonntag, 5. Juni, 19 Uhr, Dienstag, 7. Juni, 20 Uhr, Freitag, 10. Juni, 20 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0731/161-4444 oder www.theater.ulm.de