Ein Teil der Zuschauer lernt etwas darüber, wie es ist, ein Fremder zu sein. Der andere Teil findet sich wieder: „Es sind Gefühle, die so gut wie jeder, der woanders seine Wurzeln hat, nachempfinden kann“, sagt Miguel Madueno. Der 39-jährige Spanier lebt seit sieben Jahren in Ulm und ist einer der theaterbegeisterten Mitglieder des „Teatro International“ der Ulmer vh. Seit zwei Jahren treffen sich dort freitags ehemalige Teilnehmer eines Deutschkurses sowie Interessierte und spielen Theater. Aktuell noch immer das Stück „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, frei nach einem Zitat des bayerischen Komikers Karl Valentin (1882-1948).

Die Eigenproduktion handelt davon, wie es ist in einem fremden Land anzukommen. „Mit welchen Klischees man konfrontiert wird“, erklärt die Finnin Reija Viinikkala-Smith, die mit ihrem Mann seit drei Jahren in Deutschland lebt und als Englischlehrerin arbeitet. Sie nennt Beispiele: Fremde wollen auf Kosten des deutschen Steuerzahlers hier leben. Oder: Alle Moslems sind Terroristen, und Türken leben in einer Parallelgesellschaft.

Der Zuschauer werde mit solchen Sterotypen konfrontiert. Nicht immer witzig – „aber er wird dadurch gezwungen, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen“, erklärt Miguel. Ungewöhnlich ist auch, dass die Schauspieler inmitten des Publikums agieren, das wiederum während der Aufführung nicht auf seinem Platz verharren kann, „sondern von uns hin und hergeschoben wird“, sagt Miguel.

Damit die Zuschauer beweglicher sind, bekommen sie Hocker ohne Lehne, auf denen sie sich auch mal umdrehen können. „Für die meisten ist diese Art Theater neu“, sagt Claudia Schoeppl, die zweifach am Projekt beteiligt ist: Zum einen ist die 47-Jährige Fachbereichsleiterin an der vh für „Deutsch als Fremdsprache“, sie hatte die Idee zu Teatro International. Zum anderen ist sie auch Theaterpädagogin und studierte das Stück mit 14 Mitgliedern ein.

Dynamik und Perspektivenwechsel seien elementare Aspekte des Stückes, sagt sie. Nicht nur wegen der Bewegung im Raum, es gilt auch für den Inhalt, der im Laufe der Proben und den insgesamt zehn Aufführungen immer wieder verändert worden ist. „Wir arbeiten biografisch, die eigenen Erfahrungen finden sich im Spiel wieder“, sagt sie.

Die Reaktionen der Zuschauer seien sehr positiv gewesen, sagt Reija Viinikkala-Smith. Und Miguel Madueno nickt. Das Stück mitsamt der Truppe hat nun auch eine Jury überzeugt. Sie ist verantwortlich für die Organisation der Internationalen Theatertage „Stand.Punkte“, die vom 27. bis 29. März in Friedrichshafen stattfinden. „Wir sind eingeladen worden“, freut sich Claudia Schoeppl. Aber die Einladung erfolgte nicht einfach so. Ihr ging eine anspruchsvolle Bewerbung voraus: „Pressereaktionen, Videomitschnitte, Vorstellung der Truppe“, zählt sie auf. Auch die Aufführung am 29. März werde bewertet. Das bedeutet für die Schauspieler derzeit, dass sie mehr und konzentriert proben müssen.

Das macht aber gar nichts, sagt Reija Viinikkala-Smith. Es mache Spaß. Und ganz nebenbei lerne sie, immer besser Deutsch zu sprechen. „Wenn ich spiele, habe ich weniger Angst, Fehler zu machen“, sagt die 44-Jährige. Daneben herrscht trotz oder gerade wegen der kulturellen Unterschiede eine tolle Atmosphäre unter den Schauspielern. Claudia Schoeppl: „Man kann fast sagen, wir sind Modell für eine soziale Utopie, wenn man sich unsere Vielfalt so anschaut.“